Politik : Gegen den Strom

Marcus Spielmann

Das Leben Winston Churchills ist reich an Widersprüchen. 1904 wechselte er von den Konservativen zu den Liberalen und betrieb fortan linke Reformpolitik an der Seite des Volkstribunen David Lloyd George. Nach dem Ersten Weltkrieg mauserte er sich zum Sozialistenhasser und hätte gegen die Labour Party am liebsten einen Bürgerkrieg begonnen. Eines der rätselhaftesten Ereignisse dieses Politikerlebens brach indes von außen über Churchill herein: Kaum hatte er nach dem Triumph über Deutschland die Siegesparaden abgenommen, wählten ihn die britischen Wähler im Juli 1945 ab.

Es sollte einige Jahrzehnte dauern, bis das Unbehagen über den bedingungslosen Kriegsherrn Churchill die Ebene der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung erreichte. Anfang der neunziger Jahre nahmen die Vertreter des "neuen britischen Revisionismus", junge Historiker wie John Charmley (Churchill - the End of Glory, 1993), den Mythos Churchills ins Visier. In ihrer Neubewertung zeichneten sie das Bild eines Hasardeurs, der in einem unnötigen Krieg die nationale Größe seines Landes verspielte. Hätte sich Churchill 1940 zu einem Verständigungsfrieden mit dem Deutschen Reich durchgerungen, statt es in einer ruinösen militärischen Konfrontation zu bekämpfen, so die Argumentation, hätten sich Wehrmacht und Rote Armee im Osten womöglich bis zur Erschöpfung aufgerieben. Dann wäre der Niedergang des kolonialen Weltreiches zu verhindern gewesen.

Sebastian Haffners Churchill-Biografie, die der Kindler Verlag im Windschatten des Haffner-Booms neu herausgebracht hat (obwohl sie als Rowohlt-Bildmonographie nach wie vor lieferbar ist), stammt aus dem Jahr 1967 und ist viel älter als die revisionistische Kritik an Churchill. Gleichwohl lohnt sich die Lektüre gerade mit Blick auf die jüngsten Kontroversen. Haffners Analyse der Kriegspolitik schenkt den Bruchstellen zwischen den Entscheidungen des Staatsmannes und den politischen Vorstellungen der britischen Gesellschaft besondere Aufmerksamkeit.

Während des Zweiten Weltkrieges war Haffner als Journalist in England tätig. Die späteren akademischen Vorwürfe gegen den Kriegspremier gleichsam antizipierend, legt Haffner deren Ursprünge frei, wenn er von dem "tiefen, unausgesprochenen, subtilen Missverständnis" zwischen Churchill und seinem Land schreibt. "Churchill und England 1940 - das war nicht dasselbe." Einigkeit habe nur über die Verteidigung gegen Hitler geherrscht. Churchill komme das Verdienst zu, über diesen insularen Selbsterhaltungsinstinkt hinaus die Vernichtung des Feindes betrieben zu haben. Auf viele seiner Landsleute wirkte diese Unnachgiebigkeit befremdlich. Indem Churchill sich einem Kompromissfrieden mit Deutschland verweigerte, verhinderte er jedoch auch den Sieg der Wehrmacht über die Sowjetunion und eine dauerhafte deutsche Kontinentalherrschaft, so Haffner. Für ihn besteht die historische Größe Churchills gerade darin, 1940 gegen die in England verbreitete Stimmungslage gehandelt zu haben.

Nur bedingt weitsichtig

In einem wichtigen Punkt dürfte Haffners Bild vom weitsichtigen Staatsmann Churchill allerdings durch die neuere Forschung überholt sein. Haffner zufolge basierte Churchills gesamte militärische Strategie seit 1942 auf der Maxime, dass die Sowjets aus Mitteleuropa herausgehalten werden sollten. Daher habe er einen westalliierten Vorstoß gegen die Deutschen forciert, der nicht über Frankreich, sondern über den Balkan, Wien und Prag nach Berlin führen sollte. Schon Churchill selbst hatte in seinen Kriegsmemoiren die These vom geplanten "Balkanabenteuer" als Legende zurückgewiesen. Der israelische Historiker Tuvia Ben-Moshe (Churchill: Strategy and History, 1991) kommt zu dem Ergebnis, dass Churchills Zögerlichkeit bei der Invasion Frankeichs eben nicht die Folge einer Strategie war, mit der die Sowjetunion geschwächt und die Vorherrschaft des Westens nach dem Krieg garantiert werden sollte. Churchill habe schlicht an den Fähigkeiten der eigenen Armee bei einer direkten Konfrontation mit deutschen Landstreitkräften gezweifelt. Langfristige politische Ziele, so Ben-Moshe, habe Churchill nicht vor Sommer 1944 in seine strategischen Überlegungen einbezogen, zumal er 1942/43 das künftige Verhältnis zur Sowjetunion noch optimistisch einschätzte.

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