Politik : Gegen die Wand, mitten im Brand

DER WESTEN IM KOSOVO

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Von Caroline Fetscher

War alles vergebens? Gestern kletterten 600 deutsche Soldaten an Bord von Bundeswehrflugzeugen. In Richtung Kosovo. Schon wieder. Ab heute stellen die Soldaten dort einen Teil der über Nacht verstärkten NatoTruppe. Vor fast genau fünf Jahren hatte westliches Militär im Kosovo gegen Massenmord und Vertreibung interveniert. Diese Woche standen erneut Moscheen und orthodoxe Kirchen in Flammen. Ist das die bittere Bilanz?

Ehe man jetzt das Kapitel humanitäre Militärintervention mit dem Ausruf „Finger weg!“ zuschlägt, hüte man sich vor Kurzschlüssen. Vielmehr gilt es rapide und selbstkritisch zu lernen, welche Fehler die „Internationale der Demokratien“ eigentlich begeht, wenn sie sich auf die Administration von Nachkriegslandschaften einlässt. Was ist mit der Provinz Kosovo passiert, nachdem Milosevics Streitkräfte und paramilitärische Banden fort waren? Die serbischen Wohnhäuser und Gotteshäuser glichen Festungen, umzäunt von Natodraht. Doch nach und nach entspannte sich die Lage. Unser Kosovo wird bald unabhängig: Von dieser Hoffnung zehrte die albanische Mehrheit und war zu Kompromissen bereit. Bis sie mit der Zeit begriff, dass kein Verantwortlicher daran dachte, den Wunsch zu erfüllen.

Zudem sind 60 Prozent der Kosovaren arbeitslos. Um die Wirtschaft anzukurbeln, müsste die UN-Verwaltung Privatisierungen voranbringen. Aber Fabriken, Industrieanlagen, Hotels, all das ist de iure serbischer Staatsbesitz, auf den Belgrad beide Hände presst, um jeden Fortschritt zu blockieren.

Sein symbolisches Missbrauchspotenzial hat das Kosovo in Serbien behalten. Ohne diese Provinz sei Serbien „gar nichts“, verkündete Ministerpräsident Vojislav Kostunica jetzt, Seite an Seite mit dem orthodoxen Bischof Amfilohije. Der erklärte das Kosovo, auf dessen Amselfeld Serben vor 600 Jahren als Märtyrer gegen „die Türken“ gekämpft hätten, zum „Jerusalem von Serbien“. Als Kollektiv-Phantasma taugt das Thema Kosovo in Serbien mehr denn je, erst recht in der korruptionsgebeutelten Atmosphäre nach dem Mord am Demokraten Zoran Djindjic. Die Belgrader Dauerdrohung, eines Tages werde man wieder die Macht über Kosovo haben, ist Gift für KosovoAlbaner, deren Land noch von Grabstätten aus dem letzten Krieg übersät ist. Schon darum ist der Status quo so unproduktiv wie unhaltbar.

Von Anfang an wurde Kosovos Nachkriegsgeschichte falsch justiert. Im Juni 1999, als der Sicherheitsrat seine Resolution 1244 verabschiedete, stellte sie die nominell noch südserbische Provinz unter internationale Verwaltung, doch der künftige Status blieb offen – wegen der Stimme Russlands, das für seine „slawischen Brüder“ sprach. Mit „1244“ waren die ersten Meter der Sackgasse Kosovo asphaltiert, an deren totem Ende die Kosovo-Politik jetzt angekommen ist: gegen die Wand, mitten im Brand.

An dieser „Sackgasse 1244“ konnte die gesamte Helferphalanx, konnte die ganze Diplomatenriege kein Jota ändern. Hoch bezahlte Balkan-Experten jetten von Konferenz zu Konferenz, verfassen Serien von Policy-Papers – und ignorieren die Wirklichkeit. Weil sie müssen. Weil sie wegen der Resolution weder vor noch zurück dürfen. Das UN-Mantra des Wiederaufbaus: „Standards kommen vor Status“ bleibt unerfüllbar, solange der – ungelöste – Status den Weg zum Erreichen der Standards versperrt.

Echte Hilfe brächte jetzt nur eins: Die internationale Gemeinschaft muss über ihren Schatten springen, um Kosovo aus seinem Schatten zu holen. Eine neue UN-Resolution muss her, die wenigstens ein Datum fixiert, an dem die Unabhängigkeit der Provinz Kosovo verhandelt werden kann. Ohne Horizont hat das Kosovo keine Hoffnung. Dann bleibt das Ende von Milosevics Regime ein halber Sieg.

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