Gegen Fremdenhass : Preis für Dresdner Zwitscherer

Sie sind da, wo Journalisten oft (noch) nicht sind: Für ihre Information über Pegida und Hassaufmärsche vor Flüchtlingsheimen sind die Gründer von "Straßengezwitscher" jetzt ausgezeichnet worden.

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Zwei gegen Rassismus: Die Macher von «Straßengezwitscher», Johannes Filous (l) und Alexej Hock
Zwei gegen Rassismus: Die Macher von «Straßengezwitscher», Johannes Filous (l) und Alexej HockFoto: Arno Burgi/dpa

März 2015 vor Dresdens Semperoper, "das war der Moment, der Auslöser", sagt Johannes Filous. Da beobachteten er und Alexej Hock, wie nach einer Pegida-Kundgebung mehrere hundert Angreifer auf ein Camp Geflüchteter losgingen, die vor Dresdens guter Stube auf ihre Lage aufmerksam machen wollten. Aus der Horde habe man "Weg mit dem Dreck!" gehört, immer wieder "Räumen, räumen!" und, sagt der 26-jährige, "einiges, was ich hier nicht wiedergeben will". Hier, das sind die marmornen Hallen des Berliner Hotels Adlon, wo Filous und Hock am Montag für das ausgezeichnet wurden, was damals begann.

Berichten, da wo's brenzlig wird

Denn die beiden schrieben an jenem 2. März auf, was sie mitten in Sachsens Landeshauptstadt sahen und hörten, und verbreiteten es über Twitter. "Man musste nicht kommentieren, wir haben einfach die Situation geschildert." Zunächst über ihre privaten Twitteraccounts, dann unter "Straßengezwitscher" oder @streetcoverage. Mehr als 8000 Follower haben Hock und Filous dort inzwischen, was sie antreibt, steht knapp im Profil von "Straßengezwitscher": "Reportagen und Liveticker von dort, wo es brennt. Gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit." Die beiden sind dort, wo sich professionelle Journalisten auch mal zurückziehen, weil's ihnen zu brenzlig wird, sie waren in Heidenau und Freital bei den Ausschreitungen gegen Flüchtlinge. Und sind froh um Twitter, wo sich ihre Nachrichten direkt und rasch verbreiten, "anders als auf Facebook, wo man gegen deren Logarithmen anarbeiten muss". Für ihre Arbeit erhielten Hock und Filous am Montagabend den Preis für Zivilcourage, gegen Rechtsradikalismus Antisemitsmus und Rassismus, den der Förderkreis "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" und Berlins Jüdische Gemeinde jährlich gemeinsam vergeben. In der Begründung, die der Gemeindevorsitzende Gideon Joffe vortrug, wird ihre "journalistische Arbeit, meist live und vom Ort des Geschehens" gelobt, die "eine klare Haltung gegen Rassismus" zeige.

Neue Medien helfen den alten

Hock und Filous selbst sehen sich als "Bürgerjournalisten", die die professionellen Berichterstatter ergänzen - und sind erklärtermaßen froh, wenn die ihre Arbeit aufnehmen. Schließlich haben sie, die täglich mehrere Stunden mit dem Berichten, Verifizieren und Weitergeben von Nachrichten verbringen, selbst Berufe: Filous studiert Medizin, Hock hat gerade sein Diplom als Maschinenbauer geschafft - mit einer glatten Eins, "aber es hat etwas länger gedauert" wegen des zeitraubenden Jobs am Schirm und auf der Straße. Tagesspiegel-Redakteur Matthias Meisner, der die Nachrichten von "Straßengezwitscher" nutzte und früh über die beiden Macher berichtete, nannte ihre Arbeit bei der Preisverleihung "klassischen Nachrichtenjournalismus". Die beiden bedankten sich ihrerseits für das Zusammenspiel von altem und neuem Medium: Meisner und der Tagesspiegel habe über das, was sich in Sachsen zusammenbraute, kontinuierlich und überregional berichtet, "als nicht einmal die Lokalzeitungen darüber schrieben". Auch der Abend im Adlon nahm so seinen Anfang: Die Förderkreisvorsitzende Lea Rosh hatte den Tagesspiegel-Artikel gelesen und war, wie sie am Montag sagte, "so beeindruckt", dass sie sofort entschlossen war, ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter davon zu überzeugen, den diesjährigen Preis "Straßengezwitscher" zu verleihen.

Hass und Tritte gegen die Bürgerjournalisten

Im Alltag kassieren Filous und Hock statt Preisen öfter die Wut derer, deren verbale und tätliche Gewalt sie öffentlich machen. "Es fing an mit Hasskommentaren in Artikeln über uns", sagt der 26-jährige Maschinenbaustudent Hock. Sie wurden bedroht und "am 19. Oktober, auf der Ein-Jahr-Demo von Pegida wurden wir auch getreten." Weitermachen wollen sie trotzdem - und demnächst auch ihre Verbreitungswege erweitern. Einen Youtube-Kanal gibt es bereits. Das rasche Medium Twitter ist in Deutschland noch immer nicht so verbreitet und genutzt wie in andern Teilen der Welt. Was genau sie planen, darüber wollten Filous und Hock erst einmal nichts verraten.

Man bleibt bescheiden

Warum Dresden, fragt Lea Rosh die beiden jungen Bürger der Stadt. Die legen Wert darauf, dass es auch die andere Seite ihres Dresden gebe, die Stadt "der exzellenten Forschungsstätten, die ein internationales Publikum anzieht". Außerhalb der Stadt sehe es anders aus, sagt Filous. "Auf jeden Fall", sagt sein Mitstreiter Hock, sei "inzwischen ein Klima geschaffen, das aggressiv ist und den Umgang miteinander stört." Dass man das alles nicht wissen konnte, auch wofür Pegida steht, bestreitet er nachdrücklich. Und sagt zur Verantwortung der sächsischen Landespolitik, dass man "auch in Heidenau schon drei Tage zuvor wissen konnte, was zu erwarten war". Da wurde zu Blockaden aufgerufen - "die hätte man ernst nehmen müssen".

Auch wenn die Follower von "Straßengezwitscher" inzwischen Tausende sind, ein WG-Küchenprojekt ist es noch immer. Ein Riesenhelferkreis? Iwo. "Richtig viele waren wir am 19. Oktober, als wir alle vier Zugänge zur Pegida-Jahresdemo besetzt haben", sagen Filous und Hock. "Wir zwei waren als Springer dabei, alles in allem waren wir also sechs."

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