Politik : Gegen Mohn ist kein Kraut gewachsen

Ulrike Scheffer

Tausend Dollar sind für die meisten Afghanen ein unvorstellbares Vermögen. Für viele Bauern des Landes nicht - jedenfalls nicht für jene, die Schlafmohn anbauen. Die Kabuler Übergangsregierung bietet ihnen eben diese Summe pro Hektar Land an, wenn sie ihre diesjährige Mohnernte zerstören. Das ist den Bauern zu wenig. 10 000 Dollar - so viel, wie sie mit dem Mohn verdienen können - fordern sie stattdessen und drohen mit Aufruhr. In den Grenzgebieten zu Pakistan und Iran kam es in dieser Woche bereits zu Ausschreitungen, bei denen zurückkehrende Flüchtlinge zwischen die Fronten gerieten. Möglicherweise steht auch das Attentat auf Verteidigungsminister Fahim in Dschalalabad mit der Drogenpolitik der Regierung in Zusammenhang. Dschalalabad liegt in der Provinz Ningarhar, die zu den fünf süd-östlichen Drogenanbauzentren des Landes zählt, und der Minister wollte hier neben anderem für das von der EU finanzierte Prämienprogramm werben.

Die Spannungen könnten sich weiter verschärfen, denn die Bauern werden auch von ihren Abnehmern unter Druck gesetzt. "Die Händler zahlen den Bauern üblicherweise einen Vorschuss auf die kommende Mohnernte. Wenn nicht geliefert wird, muss das Geld natürlich zurückgezahlt werden", sagt Kemal Kurspahic vom Drogenkontrollbüro der Vereinten Nationen in Wien (UNDCP). Die UN-Behörde setzt bei der Drogenbekämpfung in Afghanistan eher auf langfristige Entwicklungsprogramme. "Außerdem muss in den Provinzen zunächst eine schlagkräftige Polizei aufgebaut werden, um die Eindämmung des Mohnanbaus zu überwachen." Angesichts der neuesten Statistiken zeigen die UN-Drogenbekämpfer aber Verständnis für die Ad-hoc-Initiative der Regierung Karsai.

Nach jüngsten Schätzungen ist die Mohnanbaufläche wieder auf bis zu 65 000 Hektar angewachsen, nachdem sie im vergangenen Jahr kurzfristig auf 7600 Hektar geschrumpft war. Damit könnten in diesem Jahr bis zu 2700 Tonnen afghanisches, aus dem Mohn gewonnenes Opium auf den Weltmarkt gelangen - etwa so viel wie Mitte der neunziger Jahre. Unter den Taliban nahm der Drogenanbau ab 1996 entgegen ursprünglichen Kampfansagen der Gotteskrieger dramatisch zu. Um ihren Krieg gegen die Nordallianz finanzieren zu können, erhoben die Radikalislamisten Steuern auf den Mohnanbau und den Handel mit Opium statt beides zu verbieten. Den Höchststand erreichte die Opium-Produktion 1999 mit knapp 4600 Tonnen. Doch auch im Jahr darauf kamen noch rund 75 Prozent des weltweiten Opium-Aufkommens aus Afghanistan, ebenso wie 90 Prozent des in Europa gehandelten und aus Opium hergestellten Heroins.

Erst als die UN 2000 mit drastischen Sanktionen drohten, und die Taliban um internationale Anerkennung bemüht waren, stellten diese den Mohnanbau unter Strafe. Der Handel blieb jedoch erlaubt - und da die Lager voll waren, profitierten auch die Machthaber weiter von dem schmutzigen Geschäft. In den Wirren der Nach-Taliban-Zeit weiteten die Bauern ihre Anbauflächen dann sofort wieder aus. Und solange sie keine langfristige Einkommensalternative sehen, wollen sie vom Mohn nicht lassen.

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