Politik : Geheimbesuch in Peking: Erste Auslandsreise von Kim Jong Il seit 17 Jahren

Harald Maass

Zwei Wochen vor dem historischen Korea-Gipfel ist Nordkoreas Führer Kim Jong Il zu einem viertägigen Geheimbesuch nach China gereist. Kim war am Sonntag in Begleitung von 50 nordkoreanischen Spitzenkadern in Peking eingetroffen. Am Mittwoch habe er China wieder Richtung Pjöngjang verlassen, berichteten chinesische und südkoreanische Diplomaten in Peking. Der Besuch, der unter höchster Geheimhaltung stattfand, ist die erste bekannt gewordene Auslandsreise Kim Jong Ils seit 17 Jahren. Kim hat 1994 nach dem Tod seines Vaters Kim Il Sung die Macht in dem stalinistischen Nordkorea übernommen und meidet seitdem Kontakt mit ausländischen Politikern.

Den Angaben zufolge traf Kim mit Chinas Top-Führern zu Gesprächen zusammen, darunter auch mit Staats- und Parteichef Jiang Zemin. Im Mittelpunkt der Gespräche dürfte der Korea-Gipfel (12. bis 14. Juni) in Pjöngjang gestanden haben, bei dem zum ersten Mal die Staatschefs der verfeindeten Koreas zu Friedensgesprächen zusammentreffen werden. Kim soll außerdem den chinesischen Computerhersteller Legend besucht und sich dabei eine Internetvorführung angesehen haben, berichten Diplomaten. China ist der letzte und wichtigste Verbündete des nordkoreanischen Regimes. Im Koreakrieg (1950-1953) hatten mehrere Hunderttausend chinesische Soldaten an der Seite des kommunistischen Nordens gegen die von den USA geführten UN-Truppen gekämpft.

Nach Chinas Wirtschaftsreformen 1979 kühlte sich jedoch das Verhältnis ab. Während Peking sich der Marktwirtschaft öffnete, hält Pjöngjang bis heute kompromisslos an der Planwirtschaft fest und steuerte das Land so in eine Hungersnot. 1992 waren die Beziehungen auf dem Tiefpunkt, als China gegen den Widerstand Pjöngjangs diplomatische Beziehungen mit Südkorea aufnahm.

Kims Reise nach Peking vor dem Gipfel deutet darauf hin, dass China dennoch weiter bedeutenden Einfluss auf Nordkoreas Führung ausübt. Peking ist Nordkoreas größter Lieferant an Getreide und Erdöl. "Ohne Chinas Unterstützung würde das Regime vermutlich zusammenbrechen", sagt der japanische Nordkoreaexperte Noriyuki Suzuki. Kim habe sich offensichtlich deshalb vor dem Gipfel mit Peking abstimmen müssen. Weil China auch gute Beziehungen zum Süden unterhält, könnte Peking bei dem Gipfel eine Vermittlerrolle spielen, vermuten Beobachter.

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