Politik : Geheimdienst: Taliban organisieren sich neu

Ashwin Raman

Am letzten Montag landete ein amerikanisches Militärflugzeug aus Virginia mit 25 CIA-Mitarbeitern auf dem Flughafen von Bagram, nahe Kabul. Geführt von Stefan Douglas, einem Vietnamveteranen, bezogen sie eine ganze Etage in der amerikanischen Botschaft. Sie sollen die weitere Vorgehensweise der USA gegen die Taliban und Al Qaida planen. Noch am Tag ihrer Ankunft gab es ein erstes Treffen mit dem afghanischen Geheimdienst. Nach afghanischen Angaben erklärten die Afghanen den Amerikanern dabei, dass die US-Bombardierungsstrategie, insbesondere in der Region Tora Bora "schlecht vorbereitet gewesen sei". Engineer Ali, Chef der Grenzpolizei, sagte demnach: "Wir haben die Amerikaner immer vor der Zusammenarbeit mit lokalen Stammesführern gewarnt. Die Amerikaner hätten die Fluchtwege selber absichern sollen."

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Fotos: Osama Bin Laden, Krieg in Afghanistan
Diese Fehleinschätzung hätte nicht nur Osama bin Laden die Flucht ermöglicht, sondern auch anderen Al-Qaida-Führern. So sollen unter anderem Hasib al Adeni, der für Tora Bora zuständige Militärchef, und Maulvi Jalaluddin Haqqani, der Verteidigungsminister der Taliban, in den Provinzen Khost und Paktia untergetaucht sein. Laut afghanischem Geheimdienst sind Taliban und Al Qaida dabei, sich neu zu organisieren.

Mehr als 2000 Al-Qaida-Terroristen soll die Flucht nach Pakistan gelungen sein. Abdullah Tauhidi, der stellvertretende Chef des afghanischen Geheimdienstes, sagte dem Tagesspiegel: "Hätten die USA im Süden und Osten mit der Nordallianz zusammengearbeitet, wären sie erfolgreicher gewesen. Die skrupellosen Stammesführer haben die Amerikaner dazu benutzt, Blutrache zu üben. Sie denunzierten feindliche Stämme als Terroristen, damit diese bombardiert würden." Während des Treffens mit den CIA-Agenten soll die Grenzpolizei nach Geheimdienstinformationen darauf hingewiesen haben, dass viele Al-Qaida- und Taliban-Kämpfer Unterschlupf in Iran gefunden hätten. Sie sollen dort Anschluss an fundamentalistische Gruppen gefunden haben. Der Schiiten-Gouverneur von Herat, Ismail Khan, ein vehementer Gegner des Bonner Abkommens und der USA, soll die Flucht der Terroristen gebilligt haben.

Geheimdienstchef Tauhidi überreichte der CIA nach eigenen Angaben eine umfangreiche Liste von Taliban- und Al-Qaida-Führern mit detaillierten Informationen über deren Aufenthaltsorte. Viele der Gesuchten hielten sich auf pakistanischem Boden auf. Da die amerikanischen Streitkräfte jetzt die Erlaubnis haben, in Pakistan tätig zu werden, können sie die Verfolgung aufnehmen. So sollen sich beispielsweise Ayman al Zawahiri, das zweitwichtigste Al-Qaida-Mitglied, und Saeb al Rudd, ein wichtiger Ausbilder, in Quetta aufhalten. In Chaman sollen Mullah Abdel Razak, der Innenminister der Taliban, und Gesundheitsminister Mullah Mohammed Abbas untergetaucht sein. Tauhidi geht davon aus, dass für eine Aktion in Pakistan mindestens 2000 amerikanische Spezialkräfte benötigt werden. Eine Entscheidung über einen solchen Einsatz sei aber noch nicht gefallen. Einstweilen bombardieren US-Flugzeuge praktisch pausenlos Ziele im ostafghanischen Zhawar.


Beamte ohne Geld

(uls) Die afghanische Regierung muss möglichst schnell Verwaltungsstrukturen schaffen, damit der Wiederaufbau beginnen kann. Am Dienstag jedoch schlug der zuständige Minister, Amin Farhang, im ARD-Morgenmagazin Alarm. Er habe nicht einmal genügend Geld, um seine Mitarbeiter zu bezahlen. Die zugesagte ausländische Hilfe - auch aus Deutschland - lasse auf sich warten. Insgesamt arbeiten für die Regierung rund 235 000 Beamte und Polizisten. Das deutsche Entwicklungsministerium teilte am Dienstag mit, es habe in der vergangenen Wochen zwei Millionen Euro an das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) überwiesen. UNDP stehe in der Verantwortung, das Geld der afghanischen Regierung zur Verfügung zu stellen. Farhang kritisierte auch, dass Berlins Botschafter in Kabul, Rainer Eberle, noch keinen Kontakt zu ihm aufgenommen habe. Das Auswärtige Amt sagte dazu nur, hier müssten dem Minister "falsche Informationen vorliegen". Aus Regierungskreisen hieß es, Eberle habe mehrfach um einen Termin bei Farhang nachgesucht.

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