Geheimdienstakten : Kairo lernt aus Ost-Berlin

Sechs Wochen nach dem Sturz des ägyptischen Regierungschefs Mubarak lässt die Stasiunterlagenbehörde in Deutschland ihre Hilfszusage an die Demokratiebewegung konkret werden. Die Jahn-Behörde schickt einen Experten nach Ägypten.

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Gegen die Spione. Ein Demonstrant sichert Geheimdienstakten in Kairo. Foto: Reuters
Gegen die Spione. Ein Demonstrant sichert Geheimdienstakten in Kairo.Foto: Reuters

Berlin - Drei Wochen nach dem Sturz das ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak war der Kampf um die Geheimdienstakten voll entbrannt: Hunderte von Demonstranten stürmten damals das Hauptquartier des Geheimdienstes in der Hafenstadt Alexandria, auch in Kairo versammelten sich aufgebrachte Menschen vor einer Geheimdienstzentrale. Weitere drei Wochen später will die deutsche Stasiunterlagenbehörde ihren Erfahrungen an die Ägypter weitergeben.

An diesem Wochenende reist der stellvertretende Leiter der Auskunftsabteilung, Herbert Ziehm, nach Kairo, um bei mehreren Vorträgen über die Erfahrungen bei der Sicherung der Stasiakten und über die spätere Aufarbeitung zu berichten. Der neue Behördenchef Roland Jahn sagte dem Tagesspiegel am Mittwoch zur Begründung: „Der Weg, den wir in Deutschland zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gewählt haben, ist eine Erfolgsgeschichte, an der wir andere Völker gern beteiligen.“

Mit Neugier in der arabischen Welt hatte die Behörde gerechnet. Kurz vor Ende ihrer Amtszeit sagte im Februar die damalige Leiterin Marianne Birthler , Anfragen nach Know-how etwa aus Kairo oder Tunis würde sie jetzt nach den Revolutionen „normal“ finden. Schließlich seien die Fragen „immer ganz ähnlich“: Was machen wir mit den Tätern, was brauchen die Opfer, wie kann Versöhnung in Gang gesetzt werden? Die Kontakte jetzt in Kairo hat Konrad-Adenauer- Stiftung geknüpft. „Vieles, was jetzt in Ägypten geschieht, erinnert an 1989“, sagte Ziehm, der zum Bürgerkomitee Normannenstraße gehörte, das damals im Dezember die Ost-Berliner Stasizentrale stürmte. Ihm geht es bei seiner Reise nicht darum, den Ägyptern zu sagen, was für eine „tolle Behörde“ es in Deutschland gibt. Stattdessen um Hinweise auf mögliche Probleme: Wie lassen sich echte und gefälschte Unterlagen unterscheiden, wie kann das Schreddern von Akten verhindert werden, wie entwickelt sich Bürgersinn für das Thema? Die Aufgabe, so der Abgesandte der Jahn-Behörde, sei ähnlich wie vor gut 20 Jahren in Deutschland. Auch in Ägypten sei der Geheimdienstapparat „sehr, sehr groß“ gewesen und habe „sehr viel zum Machterhalt beigetragen“. Nach Kenntnis Ziehms hat das Militär in Ägypten bereits begonnen, von Demonstranten eingesammelte Unterlagen zu beschlagnahmen – leicht wird die Sache also nicht.

Schon früher hat die Behörde Ratgeber ins Ausland entsandt und Experten von dort empfangen. Die Zusammenarbeit betrifft nicht nur den früheren Ostblock. Nach dem Sturz des Saddam-Regimes kamen ratsuchende Regierungsvertreter aus dem Irak. Auch für Besuchsgruppen aus Südkorea sind die deutschen Erfahrungen bei der Wiedervereinigung wichtig.

Das Interesse aus Ägypten wertet der neue Bundesbeauftragte Jahn positiv, schließlich belege es die „hohe Anerkennung“ seiner Behörde weit über Deutschlands Grenzen hinaus. „Ich finde es toll, dass auch in Ägypten mutige Bürgerinnen und Bürger die Vernichtung der Unterlagen der politischen Geheimpolizei gestoppt haben“, sagte Jahn: „Diese Unterlagen werden dabei helfen, die Mechanismen der Diktatur genauer zu erkennen und die neugewonnene Freiheit zu schützen.“

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