Geheime Afghanistan-Akten : Was ist Wikileaks?

Die einen finden ihre Arbeit würdig für den Friedensnobelpreis. Andere sehen die nationale Sicherheit gefährdet. Geheime Dokumente sind ihr Spezialgebiet – auch über Afghanistan.

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Undurchsichtig. Die Internetplattform Wikileaks veröffentlicht anonym geheime Dokumente. Foto: dpa
Undurchsichtig. Die Internetplattform Wikileaks veröffentlicht anonym geheime Dokumente.Foto: dpa

WELCHES ZIEL VERFOLGT DAS PORTAL?

Wikileaks sieht sich als Kampfansage – vor allem gegen undemokratische, durch Unterdrückung geprägte Regime. Die Internetplattform will aber auch Ansprechpartner für diejenigen sein, „die unethisches Verhalten in ihren eigenen Regierungen und Unternehmen enthüllen wollen“, wie es laut Eigendarstellung heißt.

Die Macher der 2006 ins Leben gerufenen Seite glauben, dass Transparenz zu weniger Korruption und mehr Demokratie führt. Regierungen würden von erhöhter Kontrolle durch die globale Gemeinschaft profitieren. Um Transparenz herzustellen, setzt Wikileaks auf anonyme Informanten, im englischen Sprachraum „Whistleblower“ genannt.

Mithilfe der Freiheit von Information will Wikileaks nicht weniger, als die Welt verbessern. Das Projekt verfügt laut Gründer Julian Assange über einen ethischen Kodex. „Wir vertreten bestimmte Werte. Wir glauben, dass Informationen, die vollständig und präzise sind, an sich etwas Gutes sind und Menschen die Möglichkeit geben, intelligente Entscheidungen zu treffen“, sagt er in einem Interview mit dem „Freitag“. Wikileaks nennt als Beispiel die „Pentagon Papers“ über den Vietnamkrieg. Deren Veröffentlichung durch US-Medien 1971 trug dazu bei, dass sich die Stimmung in den USA gegen den Krieg wendete. Informant war der ehemalige Regierungsmitarbeiter Daniel Ellsberg, der sich heute für Wikileaks einsetzt.

WIE FUNKTIONIERT WIKILEAKS?

Wikileaks ist eine Plattform für die Veröffentlichung und Analyse von geheimen Dokumenten. Der Internetauftritt ähnelt der Online-Enzyklopädie Wikipedia, ohne jedoch Projekt der Wikimedia Foundation zu sein. Wikileaks benutzt aber eine vergleichbare Technologie. Ein sogenannter Wiki ermöglicht das gemeinsame Bearbeiten von Dokumenten. Jeder kann dort veröffentlichen. Ziel ist es, die Erfahrung und das Wissen vieler Autoren zu nutzen und so eine „kollektive Intelligenz“ herzustellen.

Auch Wikileaks setzt auf die Masse. Eine weltweite Gemeinschaft von Nutzern soll die öffentlich gemachten Dokumente diskutieren und ihre Glaubwürdigkeit analysieren. Bei Wikileaks geht es speziell um Geheimpapiere. Dies können Regierungsakten oder Militärdokumente sein, Strategiepapiere von Institutionen und Parteien, Ermittlungsakten, interne Dokumente aus Unternehmen oder auch private E-Mails. Leaks bedeutet so viel wie Leck oder undichte Stelle. Das Portal möchte ein Ventil sein für jeden, der über Informationen stolpert, welche die jeweilige Institution verbergen will.

Um die Anonymität der Informanten zu sichern, benutzt Wikileaks kryptografische Verfahren. Die Seite liegt auf einem Server in Schweden, wo die Anonymität von Informanten in der Verfassung festgeschrieben ist. Es gibt weitere Server in Ländern, deren Rechtsprechung geeignet scheint. So darf beispielsweise in Belgien die Kommunikation von Journalisten nicht abgehört werden.

Informanten können ihre Dokumente im Uploadbereich der Seite entweder per verschlüsselte Verbindung oder über den Anonymisierungsdienst „Tor“ überspielen. In diesem Netzwerk wird der Datenverkehr über mehrere Rechner geschickt, so dass eine Rückverfolgung so gut wie unmöglich wird. Neben Anonymisierung und Verschlüsselung werden zudem auch tausende erfundene Eingaben über die Datenleitung zu Wikileaks versendet, um so ein „permanentes Rauschen“ zu erzeugen, in dem die echten Dokumente versteckt werden.

Trotz allem sind Informanten nicht grundsätzlich vor Enttarnung gefeit. Die US-Armee hat kürzlich gegen den Soldaten Bradley M. Anklage erhoben, weil er ein Video von einem umstrittenen Einsatz der US-Armee im Irak in Umlauf gebracht haben soll, das Wikileaks entschlüsselte und veröffentlichte. Bei dem Einsatz kamen Iraker und zwei Reporter der Nachrichtenagentur Reuters ums Leben. Offenbar ist diese mutmaßliche Enttarnung aber nicht auf Unsicherheiten in der Technik von Wikileaks zurückzuführen. Der Angeklagte soll in einem Chat über seine Tat geplaudert haben. Die US-Regierung hat ihn auch jetzt wieder im Visier, wenn es darum geht herauszufinden, wie Wikileaks an die rund 90 000 Geheimdokumente zum Afghanistaneinsatz gekommen ist.

Die Macher von Wikileaks wollen Bradley M. bei seiner Verteidigung unterstützen, dies aber nicht als Bestätigung verstanden wissen, dass der Soldat ihr Informant war. Die Idee ist, einfach jeden zu unterstützen, der wegen eines auf dem Portal veröffentlichten Dokumentes angeklagt wird.

Fraglich ist, ob Wikileaks dies finanziell durchhalten kann. Das Portal wird über Spenden finanziert und stand Ende vergangenen Jahres vor dem finanziellen Aus. Um auf ihre finanzielle Notlage hinzuweisen, nahmen die Betreiber ihre Webseite im Januar kurzzeitig vom Netz. Die Maßnahme zeigte Wirkung: Die Spendengelder flossen wieder, und die Finanzierung scheint zurzeit gesichert.

WELCHE ENTHÜLLUNGEN GAB ES BEREITS?

Die jetzt veröffentlichten gut 90 000 Dokumente der US-Militärs zum Afghanistaneinsatz sind der bislang größte Coup der Plattform. Für die Enthüllungen arbeitete Wikileaks erstmals mit klassischen Medien wie der „New York Times“, dem britischen „Guardian“ und dem deutschen „Spiegel“ zusammen. Hierzulande sorgen vor allem die Berichte über das Wirken der US-Spezialeinheit Task Force 373 für Aufmerksamkeit, die mit rund 300 Mann im deutschen Hauptquartier in Masar-i-Scharif im Norden Afghanistans stationiert ist. Ihre Order: „capture or kill“ – das Verhaften oder gezielte Töten von Feinden.

Das im April veröffentlichte Helikopter-Video aus Bagdad sorgte ebenfalls für Aufsehen. Reuters hatte zuvor vergeblich versucht, an das Video zu kommen. Empörung lösten die Stimmen der Helikopterbesatzung aus, die sich gegenseitig anfeuern und Schüsse auf Kinder im Nachhinein rechtfertigen. Kritisiert wurde Wikileaks allerdings dafür, auch eine gekürzte Version des Videos angeboten und es somit aus dem Kontext gerissen zu haben. In der Nähe des Vorfalls hatte es zuvor Feuergefechte gegeben.

Im Dezember 2009 veröffentlichte Wikileaks den Feldjägerbericht der Bundeswehr zum Angriff auf einen Tanklaster bei Kundus. Bei diesem starben bis zu 142 Menschen. In der Folge der Kundus-Affäre trat Franz Josef Jung (CDU), der zuvor Verteidigungsminister war, als Bundesarbeitsminister zurück.

Im November 2009 hat Wikileaks wesentliche Bestandteile der Verträge zwischen dem Toll-Collect-Konsortium und der früheren Bundesregierung publiziert. In diesen Verträgen wurden dem Konsortium, das die Lkw-Maut-Technik stellt, Renditezusagen in Milliardenhöhe gemacht. Dem Verkehrsausschuss des Bundestages war zuvor nur ein Teil der Verträge zugänglich – ohne die Angaben über die Höhe der Rendite.

Berühmtheit erlangte Wikileaks in Island, als im Juli 2009 interne Dokumente zur Kaupthing-Bank erschienen. Der Zusammenbruch der Bank hatte das Land an den Rand des Staatsbankrotts gebracht. Als das isländische Fernsehen über die Dokumente berichten wollte, erwirkte die Bankenaufsicht ein Verbot. Der Sender verwies die Zuschauer auf Wikileaks.

Eine der ersten Veröffentlichungen waren die Guantanamo-Bay-Handbücher. Aus ihnen geht hervor, dass Mitarbeitern des Roten Kreuzes absichtlich der Zugang zu bestimmten Gefangenen verweigert wurde. Weitere Veröffentlichungen sind geplant. So soll es ein Einsatzvideo von einem US-Luftschlag in der afghanischen Ortschaft Garani geben, bei dem zahlreiche Zivilisten starben.

WELCHE KRITIK GIBT ES?

Kritiker vermissen redaktionelle Kontrolle. Um keinen Fälschungen aufzusitzen, prüfen die Helfer von Wikileaks alle Dokumente. Doch einen hundertprozentigen Schutz vor irreführenden oder vorsätzlich falschen Eingaben gibt es nicht. Wikileaks verteidigt sich damit, dass auch traditionelle Medien Falschinformationen aufsäßen, wie im Vorfeld des Irakkrieges zu sehen gewesen sei.

Kritik gibt es auch hinsichtlich des Schutzes der Privatsphäre. Privatpersonen könnten durch Veröffentlichungen bei Wikileaks in ihren Rechten beeinträchtigt werden. Abzuwägen ist, ob ein überwiegendes öffentliches Interesse die Publikation rechtfertigt. Zu spüren bekam dies die US-Politikerin Sarah Palin. Ihre privaten E-Mails erschienen bei Wikileaks. Die Plattform hielt die Veröffentlichung für legitim, weil Palin über die private Mail-Adresse Regierungsgeschäfte betrieb und so die amtliche Aufzeichnungspflicht umging.

Insbesondere in den USA ist die Haltung gegenüber Wikileaks distanzierter und kritischer. Nicht, wie in Europa verbreiteter, als Vorkämpfer der Informationsfreiheit wird die Plattform betrachtet, sondern mehr als Gefahr für die nationale Sicherheit. US-Verteidigungsminister Robert Gates hatte in Bezug auf die Afghanistan-Dokumente angekündigt, entschlossen und „aggressiv“ nach der undichten Stelle zu suchen. Bei der Untersuchung soll die Bundespolizeibehörde FBI helfen, teilte Gates mit. US-Generalstabschef Michael Mullen griff den Chef der Website, Julian Assange, scharf an. Er warf ihm vor, die Sicherheit anderer Menschen aufs Spiel zu setzen, um seine eigene Meinung deutlich zu machen.

Auch die internationale Afghanistanschutztruppe Isaf hat die Veröffentlichung der geheimen US-Dokumente verurteilt. Die Weitergabe setze sowohl die internationalen Soldaten als auch die afghanischen Sicherheitskräfte zusätzlichen Risiken aus. Auch namentlich in den Dokumenten genannte afghanische Zivilisten, Übersetzer und Informanten seien gefährdet. Die US-Regierung sorgt sich zudem um die öffentliche Unterstützung für den Afghanistaneinsatz in den Nato-Ländern.

Die deutsche Politik reagierte zurückhaltend, übte aber längst nicht so scharfe Kritik an den Veröffentlichungen wie in den USA. In Internetportalen und Blogs stoßen die Veröffentlichungen auf breite Zustimmung – einige fordern gar den Friedensnobelpreis für Wikileaks.

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