Politik : Geheime Rettungsaktion

Saudische Einheiten haben offenbar die deutschen Mädchen im Jemen befreit – oder abgekauft?

Sanaa/Istanbul/Berlin - Lydia (6) und Anna (4) müssen Schreckliches erlebt haben. Die beiden Mädchen, die mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder in einem umkämpften Gebiet im Nordwesten des Jemen wohnten, wurden verschleppt und elf Monate lang in den Bergen als Geiseln festgehalten. Ohne ihre Eltern und ihren Bruder Simon sind sie nun freigekommen und in ein Militärkrankenhaus nach Saudi-Arabien gebracht worden. Die Bundesregierung hat dem islamischen Königreich Saudi-Arabien für diese „Rettungsaktion“ gedankt. Doch mit Rücksicht auf die noch immer vermissten restlichen Geiseln und die politischen Befindlichkeiten der Verantwortlichen in Riad und Sanaa werden einige Details der Operation noch zurückgehalten.

Die jemenitischen Stammesführer in dem Gebiet, in dem die Kinder festgehalten worden sein sollen, behaupten, ein Sondereinsatzkommando sei am Montagnachmittag mit Hubschraubern in dem Bezirk Schadha gelandet. Das saudische Innenministerium will davon jedoch genauso wenig etwas wissen wie von einer angeblichen Operation saudischer Sicherheitskräfte in einem jemenitischen Dorf vor einigen Tagen. Am Wochenende veröffentlichten die schiitischen Houthi-Rebellen, die im vergangenen Jahr gegen die jemenitische Armee und Stoßtrupps aus Saudi-Arabien gekämpft hatten, Videoaufnahmen aus dem Dorf Umm Kuwaia im Bezirk Schadha. Sie behaupten, in dem Dorf sei am Freitag überraschend eine saudische Spezialeinheit mit Planierraupen angerückt. Die Dorfbewohner konnten sich auf diese Aktion, bei der ihren Angaben zufolge mehrere Hütten dem Erdboden gleichgemacht wurden, zunächst keinen Reim machen.

Jetzt fragen sich Beobachter in der Region, ob die Saudis dort nach den Geiseln gesucht haben. „Das stimmt nicht – wir haben die jemenitische Grenze nicht überschritten“, sagt dagegen der Sprecher des Innenministeriums in Riad. Nach seiner Darstellung wurden die Mädchen von den Saudis nicht befreit, sondern im Grenzgebiet in Empfang genommen. Wer die Kinder dorthin brachte, sagt er nicht. Auch die jemenitische Regierung gibt sich zugeknöpft. Ein jemenitischer Regierungsvertreter, den es ärgert, dass die Saudis nun als „Retter und Helden“ gefeiert werden, lässt sich dann doch zu einem Kommentar hinreißen: „Die Saudis verhandeln schon seit Monaten mit den Entführern. Sie haben Lösegeld bezahlt.“ Die Rede ist von fünf Millionen US-Dollar. In internationalen Sicherheitskreisen hieß es, die Saudis könnten den mutmaßlich dem Terrorspektrum zuzurechnenden Entführern die Geiseln abgekauft haben – gegen Informationen über andere Terrorgruppen in der Grenzregion.

Der Sprecher des Innenministeriums in Riad, General Mansur al Turki, sagt nichts von Lösegeldzahlungen. Er ist stolz, dass es seinen Männern gelungen ist, die Kinder zu retten. Doch als das Gespräch auf das Schicksal ihres kleinen Bruders Simon kommt, wird seine Stimme ernst. Zu der Frage ob die drei erwachsenen Geiseln – die Eltern der Kinder und der mit ihnen entführte Brite – gefunden wurden, sagt er wegen der noch laufenden Ermittlungen nichts.

Obskur bleibt auch die Rolle der jemenitischen Regierung. Die schiitischen Houthi-Rebellen behaupten, sie seien kürzlich aus dem Umfeld des Präsidentenpalastes darüber informiert worden, dass in der Provinz Saada saudische Einheiten im Anmarsch seien.

Die Bundesregierung hat laut Außenminister Guido Westerwelle (FDP) keine Gewissheit über das Schicksal der weiteren deutschen Geiseln im Jemen. „Ihre Lage erfüllt uns mit großer Sorge“, sagte Westerwelle am Dienstag in Berlin. „Wir werden alles tun, um so schnell wie möglich Klarheit über ihr Schicksal zu gewinnen.“ Die fünfköpfige Familie war am 12. Juni 2009 mit zwei Bibelschülerinnen aus dem nordrhein-westfälischen Lemgo, einem britischen Ingenieur und einer südkoreanischen Lehrerin in Saada verschleppt worden. Die Ausländer arbeiteten dort in einem christlichen Krankenhaus und befanden sich auf einem Ausflug. Die Bibelschülerinnen und die Südkoreanerin wurden wenige Tage nach der Entführung ermordet aufgefunden. fan/dpa/epd

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