Politik : Geheimsache Terror

Frankreichs Regierung wird seit Monaten mit Bombendrohungen erpresst – die Medien hielten still

Sabine Heimgärtner[Paris]

Zweieinhalb Monate bereits handelte Frankreichs Innenminister in geheimer Mission, bis die Medienbombe hochging: Seit Mitte Dezember 2003 versucht eine mysteriöse Terrorgruppe namens AZF von der Regierung vier Millionen Dollar sowie eine Million Euro zu erpressen und droht mit Anschlägen auf das Eisenbahnnetz.

Wochenlang gelang es den Behörden, die Drohungen geheim zu halten, bis am Mittwoch die in Toulouse erscheinende Tageszeitung „La Dépéche du Midi“ das Stillschweige- Abkommen mit den Medien brach. In wenigen Stunden wurde bekannt, dass unbekannte Erpresser an wichtigen Bahnlinien elf langfristig programmierbare Zeitzünder-Bomben deponiert haben, die offenbar jederzeit hochgehen können. Tausende Beamte der Polizei, Spionageabwehr und Geheimdienste sowie ein Krisenstab im Innenministerium sind seither Tag und Nacht im Einsatz. Und der Terrorabwehr-Plan „Vigipirate“ wurde auf Alarmstufe gesetzt.

Den Terroristen scheint es ernst zu sein: Ein Sprengstoff-Paket auf der Strecke Paris- Toulouse in der Nähe der Stadt Limoges haben die Ermittler am 21. Februar aufgrund eines anonymen Anrufs bereits entdeckt. Die dort installierte Bombe – bestehend aus Nitrat und Öl mit ausgefeiltem Zünder – wäre in der Lage gewesen, einen Schnellzug zum Entgleisen zu bringen. Mehr als 10 000 Eisenbahner waren in den vergangenen Tagen auf dem 32 000 Kilometer umfassenden Gleissystem zu peniblen Kontrollen unterwegs – ohne allerdings etwas Verdächtiges zu finden. Es gebe „keinerlei Anomalie“, sagte ein Sprecher der französischen Bahn, das Netz bleibe unter erhöhter Überwachung. Die Fahnder derweil tappen offenbar weiter im Dunkeln.

Fest steht laut Frankreichs Polizeichef Michel Gaudin nur eines: „Die Täter kommen nicht aus dem gewalttätigen islamistischen Milieu und auch nicht aus der tschetschenischen Terrorszene.“ Allerdings hätten sie „viel Erfahrung“. So hätten sie es vor zwei Wochen geschafft, die Ermittler per Telefon und ausgeklügeltem Navigationssystem zum ersten Bombenfundort bei Limoges zu leiten.

Seit Bekanntwerden der Drohungen steigt die Panik in Frankreichs Bevölkerung, aber auch bei den zehntausenden „Eingeweihten“ bei Polizei, Geheimdiensten und Bahn. Denn nun ist der Kontakt zu den Erpressern unterbrochen. Sie nennen sich nach der Chemiefabrik AZF in Toulouse, deren immer noch nicht völlig aufgeklärte Explosion im September 2001 31 Menschen in den Tod riss.

Die Lage ist verworren: Bisher erreichten das Ministerium fünf Drohbriefe. Hinzu kamen anonyme Anrufe einer Frau und Anzeigen in der Zeitung „Libération“, mit denen die Erpresser versuchten, die Geldübergabe zu organisieren. „Mein großer Wolf“, hieß es etwa in einer Annonce am 19. Februar, „bloß kein unnötiges Risiko, je früher, desto besser. Ich warte auf deine Anweisungen, Suzy.“

Zwei Kontaktaufnahmen zwischen Regierung und Erpressern sind bislang gescheitert, die letzte am vorigen Montag auf einem Flugplatz südlich von Paris. Vorher hatten die Erpresser verlangt, dass ein Hubschrauber auf einem der Wahrzeichen der Stadt, dem Montparnasse-Turm, zur Geldübergabe landet.

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