Politik : Gehorsam auf dem Lehrplan

Der Islam soll zur Bildung ermuntern. Aber die Praxis in der arabischen Welt sieht nach einem UN-Bericht anders aus: Neugier und Wissensdurst werden unterdrückt

Andrea Nüsse[Amman]

Er war mit Spannung erwartet worden: Der Bericht über die menschliche Entwicklung in der arabischen Welt 2003, der sich der Frage widmet, warum die arabische Welt bei der Entwicklung von Wissensgesellschaften so weit hinter dem Rest der Welt hinterher hinkt. Als Beleg dafür werden unter anderem die geringe Zahl von Patenten angeführt, die aus der arabischen Welt angemeldet werden, die niedrige Buchproduktion und die geringe Zahl von Wissenschaftlern, die in der Forschung arbeiten.

Während Jordanien von 1980 bis 2000 in den USA 15 Patente und Ägypten 77 angemeldet hat, kamen aus Südkorea im gleichen Zeitraum 16 328 Patentanmeldungen. Während die arabische Welt fünf Prozent der Weltbevölkerung stellt, kommt sie nur auf 1,1 Prozent der weltweiten Buchproduktion. 17 Prozent davon seien zudem religiöse Bücher, während diese in anderen Regionen nur fünf Prozent der Buchproduktion ausmachten. Dies reflektiere den „Erziehungsprozess", heißt es in dem Bericht. Das Hauptproblem sei dabei die mangelnde Qualität der Wissensvermittlung. Kinder würden sowohl im Elternhaus als in der Schule zumeist autoritär erzogen. Bereits sehr früh werde Kindern anerzogen, „Neugier und Wissensdurst zu unterdrücken". In der Schule würde „auswendig gelernt“, statt „kritisch gedacht“, und die Schulcurricula lehrten Unterwerfung und Gehorsam und verhinderten damit die Entwicklung einer „kreativen, innovativen Generation“.

Der Bericht schlägt eine zentrale Aufsichtskommission vor, die arabische Lehrpläne daraufhin untersuchen solle. Zitiert wird der kürzlich verstorbene palästinensische Wissenschaftler Edward Said, der die Herausforderungen an die arabische Welt in der Frage zusammenfasste: „Wie sollen wir denken?“ (How to think?) Im Entwicklungsbericht 2003 wird wie im Vorjahr auf die zentrale Rolle der arabischen Regierungen verwiesen, die durch größere politische Freiheiten das menschliche Potenzial aktivieren könnten. Die Situation habe sich im Vergleich zum Vorjahr noch verschlechtert, heißt es. Im Zuge der Terrorismusbekämpfung seien der willkürlichen Beschneidung von Bürgerrechten die Türen geöffnet worden.

Die arabischen Autoren untersuchen im neuen Bericht auch die Rolle, die die Religion bei der mangelnden Entwicklung in der arabischen Welt spielt. Sie machen deutlich, dass der „pure“ Islam an sich kein Hindernis bei der Entwicklung von Wissensgesellschaften sei, da er „fast“ eine religiöse Pflicht zum Lernen und zur Weiterbildung enthalte. Die Stärke der arabisch-islamischen Kultur in der Vergangenheit habe auf der Offenheit beruht, mit dem sie beispielsweise der griechischen Kultur oder im 19. Jahrhundert der europäischen Kultur begegnet sei. Diese Offenheit und die intellektuelle Freiheit bei der Interpretation religiöser Texte müssten wiederbelebt werden. Auch die arabische Sprache müsse modernisiert werden, damit Lernen und Lehre von Naturwissenschaften auch in Arabisch möglich sei – ebenso wie die Nutzung von Computern und Internet, die in der arabischen Welt weltweit am niedrigsten ist. Besonders schwer umzusetzen dürfte die Forderung sein, gesellschaftliche Anreize zur Aneignung von Wissen zu schaffen. Dafür bedürfe es eines radikalen Mentalitätswechsels in Gesellschaften, in denen Ansehen auf „vor allem auf materiellem Reichtum basiert“, heißt es in dem Bericht.

Die Autoren kritisieren auch, dass die Abschottung der USA nach dem 11. September 2001 genau das falsche Signal sei: Die Zahl der arabischen Studenten in den USA ist von 1999 bis 2003 um etwa 30 Prozent gefallen. Damit würden wichtige Verbindungen zur Wissensaneignung abgeschnitten. Auch der Versuch westlicher Staaten, Patente auf intellektuelles Eigentum einzuführen, würde Entwicklungsregionen wie die arabische Welt benachteiligen.

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