Politik : Geht Leipzig vor?

Sachsens SPD fürchtet um einen attraktiven Landtags-Spitzenkandidaten – OB Tiefensee könnte wegen Olympia in der Stadt bleiben

Ralf Hübner[Leipzig]

Die Freude über den Erfolg Leipzigs als Bewerberin für die Olympischen Spiele 2012 ist nicht überall ungetrübt. Sachsens Sozialdemokraten etwa sorgen sich, ihnen könnte wegen Olympia ein aussichtsreicher Spitzenkandidat für die Landtagswahl im nächsten Jahr abhanden kommen. Der heißt Wolfgang Tiefensee und ist Oberbürgermeister von Leipzig. Gemeinsam mit Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) hat Tiefensee die Olympiabewerbung nach Sachsen geholt. Viele in der SPD sehen allein in Tiefensee den Kandidaten, der Milbradt gefährlich werden könnte. Nun aber könnte der OB einen guten Grund haben, dem Drängen aus der Partei zu widerstehen: Werben für Leipzig ist wichtiger als werben für die SPD.

Offiziell gilt das Thema Spitzenkandidatur für die Landtagswahl in der SPD als tabu. Nach dem Willen von Landeschefin Constanze Krehl soll die Partei erst 2004 darüber entscheiden. Zur Auswahl steht ein Quartett von Partei-Granden, im Parteijargon „Viererbande“ genannt: neben Krehl und Tiefensee sind das Rolf Schwanitz, Minister im Berliner Kanzleramt, und der Chef der Landtagsfraktion, Thomas Jurk. Sie haben vorerst eine Art Burgfrieden geschlossen, was die Kandidatenfrage betrifft. Tiefensee freilich gilt als Favorit, bekannt, charismatisch und erfolgreich wie er ist.

Sollte Tiefensee ernsthaft die Absicht hegen, Spitzenkandidat zu werden, wird sich die Partei nicht verweigern. Dass er im Vorjahr sogar einen Platz am Kabinettstisch des Kanzlers ausgeschlagen hat, haben ihm seine sächsischen Genossen hoch angerechnet. Sie brauchen einen fähigen Kandidaten, um ihr Ergebnis nachhaltig zu verbessern – ganze 10,7 Prozent hat Sachsens SPD 1999 bekommen. Viele in der Partei, besonders im Dresdner Raum, wünschen sich Tiefensee auch als Spitzenkandidaten, um die ungeliebte und glücklose Vorsitzende Krehl zu verhindern.

Tiefensee selbst lässt sich nicht in die Karten schauen. Die Niederungen der Parteiarbeit, zumindest auf Landesebene, hat er gerne gemieden. Auf Parteitagen, wo er oft mit Verspätung erschien, saß er zumeist in den hinteren Reihen, bei den Delegierten seines Unterbezirks. Als er aber zu Jahresbeginn im Landesvorstand eigene Vorstellungen für ein sozialdemokratisches Regierungsprogramm in Sachsen äußerte und zu dessen Erarbeitung auch eigene Mitarbeiter abstellte, wurde das als Bereitschaft gewertet, landespolitische Verantwortung zu übernehmen.

So hoffen einige, Tiefensee könnte mit seiner nochmals gewachsenen Popularität zumindest den Wahlkampf leiten, auch wenn er dann in Leipzig bliebe. Mit Tiefensee, den auch Milbradt wegen Olympia nicht allzu robust angehen kann, lasse sich wenigstens die absolute Mehrheit der CDU brechen. Krehl, Schwanitz oder Jurk wird das nicht ohne weiteres zugetraut. Und so hat Milbradt doppelt Grund, sich über Leipzigs Olympia-Erfolg zu freuen. Tritt Tiefensee deshalb nicht an, ist er der Fortsetzung der CDU-Alleinregierung einen Schritt näher gekommen.

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