Politik : „Geht nicht gegen eure Landsleute vor“

Hunderttausende demonstrieren für den ukrainischen Oppositionschef – auch Generäle stützen ihn

Thomas Roser[Kiew]

Fröhlich gönnt sich die aufbegehrende Hauptstadt einen Feiertag. Unübersehbar sind die mit orangefarbenen Bändern geschmückten Menschenmassen, die sich in Kiew singend und lachend durch die Straßen, über Treppen und durch das Tunnelgewirr der U-Bahn-Stationen drängen. Selbst auf den vereisten Grashügeln hinter dem Unabhängigkeitsplatz stehen die Menschen dicht gedrängt. Grüne Laser strahlen den ukrainischen Dreizack auf die angrenzenden Fassaden. „Ruhm der Ukraine! Nieder mit Kutschma!“, wird in Sprechchören das Abtreten des noch amtierenden Skandalpräsidenten gefordert. „Wir lassen uns den Sieg nicht nehmen“, sagt Oppositionschef Viktor Juschtschenko. Premier Viktor Janukowitsch habe sich verrechnet, wenn er glaube, dass sich die Proteste gegen den Wahlbetrug nach zwei, drei Tagen verlaufen würden, ruft seine Mitstreiterin Julia Timoschenko unter Beifall ins Mikrofon: „Wir werden jeden Tag immer mehr.“

Tatsächlich gehen nicht nur in Kiew Hunderttausende auf die Straßen, um gegen die Ausrufung von Janukowitsch zum Sieger der Präsidentenwahl zu protestieren. Demonstrationen werden aus zahlreichen Städten im Westen und Zentrum des Landes gemeldet. Am Dienstagabend ziehen Tausende zum Präsidentenpalast in Kiew. Neben Kiew haben die Städte Lemberg (Lwiw), Winnyzia und Iwano-Frankiwsk haben erklärt, die Entscheidung der Wahlkommission nicht anzuerkennen. Generäle und Admiräle verkünden auf Protestveranstaltungen öffentlich ihre Unterstützung für die Opposition. „Geht nicht gegen eure eigenen Landsleute vor“, appelliert im TV-Kanal 5 ein General an seine Soldaten.

Juschtschenko hatte am Montagabend seine Anhänger vor einer Räumung des oppositionellen Zeltdorfs im Zentrum gewarnt. Doch am nächsten Morgen stehen die grünen Zeltkuppeln noch immer unversehrt da. Hundemüde sei er, gesteht mit einem verschmitzten Lächeln der Sicherheitschef des Camps, Alexander Baron. Bis sechs Uhr habe er auf die Miliz gewartet: „Aber niemand ist gekommen.“

Verschlafen wirken auch die Männer mit weiß-blauen Schals, die auf einem Parkplatz hinter der Mutter-UkraineSäule am Rand der Innenstadt auf ihre „Order“ warten. Die ganze Nacht sei er mit seinen Kollegen aus dem ostukrainischen Gorlowka nach Kiew gefahren, um in der Hauptstadt den „Wahlsieger Janukowitsch zu unterstützen“, berichtet der Bergmann Georgi Barabadse. Einen Bürgerkrieg werde es aber nicht geben: „Wir sind schließlich alle orthodoxe Christen – und wollen nur das Beste für das Land.“

„Chaos“ wolle er in der Stadt verursachen, schnaubt dagegen ein rotgesichtiger Mann unter seiner Schiebermütze. Er habe gehört, in der Stadt sollten 30 000 „aggressive“ Oppositions-Anhänger sein, die öffentliche Gebäude besetzen wollten, sagt der Ökonomiestudent Jaroslaw aus Donezk und gesteht „ein wenig Angst“ ein. Ob er Geld für die Reise in die Hauptstadt erhalten habe, will der Student nicht verraten. Janukowitsch sei der bessere Präsident, sagt er und kann seine von „Propaganda verblendeten“ Landsleute in Kiew nicht verstehen. Am besten wäre es, wenn sich die Ukraine wieder Russland anschließen würde: „Putin ist ein großer Mann. Und für Europa sind wir ohnehin nicht interessant.“

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