Politik : Geisel im Dschungel – seit fünf Jahren Freilassung Betancourts nicht in Sicht

Michael Schmidt

Berlin - Ingrid Betancourt ist die bekannteste Geisel der marxistischen Farc-Guerilla in Kolumbien – wenn auch beileibe nicht die einzige. Schätzungen kolumbianischer Menschenrechtsorganisationen zufolge werden derzeit mehr als 3000 Verschleppte in den Dschungeln des Andenstaates festgehalten. Nicht nur von der Farc (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens), auch von den anderen Akteuren des seit vier Jahrzehnten andauernden Bürgerkrieges, der ELN (Nationale Befreiungsarmee) und den rechten Paramilitärs: Die Entführungsindustrie und Lösegelderpressung gehören neben dem Drogengeschäft zu den wichtigsten Finanzierungsquellen der Kombattanten.

Die Grünen-Politikerin Betancourt wurde an diesem Freitag vor genau fünf Jahren, am 23. Februar 2002, im Präsidentschaftswahlkampf entführt. Die 45-Jährige, die neben der kolumbianischen auch die französische Staatsbürgerschaft besitzt, war 1994 ins Abgeordnetenhaus gewählt worden und 1998 in den Senat Kolumbiens. Ihre Popularität verdankte sie vor allem ihrem mutigen Auftreten gegen die Korruption im Land. Sie deckte vor allem die Verstrickung von Parlamentariern und der Kokainmafia auf.

Ihr letztes Lebenszeichen ist ein im August 2003 ausgestrahltes Video. Dass sie noch lebt, steht für ihre Familie aber außer Zweifel. Auch die Regierung des konservativen Präsidenten Álvaro Uribe ist sicher, dass die Guerilla ihr wichtigstes Faustpfand nicht getötet hat – schließlich brauche die Farc die Geiseln für einen Austausch gegen inhaftierte Rebellen. Seit einem Anschlag auf die Militärhochschule in Bogotá im vergangenen Oktober lehnt Uribe Gespräche über einen solchen Austausch jedoch ab. Er setzt, zur Beunruhigung vieler Angehöriger, die um das Leben ihrer Liebsten bangen, auf eine gewaltsame Befreiung der Geiseln. Nicht zuletzt deshalb wohl hofft die Schwester der Entführten, Astrid Betancourt, dass Ingrid längst außer Landes geschafft worden ist. „Das würde bedeuten, dass sie sie vor militärischen Einsätzen (der kolumbianischen Armee) schützen wollen“, sagte sie am Mittwoch im französischen Fernsehsender France 2.

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