Politik : Geisel in einem nie erklärten Krieg

Sandra Weiss

Montevideo - Vier Jahre nach der Entführung von Ingrid Betancourt steckt Kolumbien wieder im Wahlkampf. Und der Schatten der einstigen Präsidentschaftskandidatin liegt bleiern über der Kampagne. Vor vier Jahren führten Betancourts Ehemann, Juan Carlos Lecompte, und ihre Mutter mit einer lebensgroßen Pappfigur den Wahlkampf der Kandidatin der Grünen Partei zu Ende, nachdem sie am 23. Februar 2002 von der Guerilla der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) entführt worden war. Diesmal will Lecompte seine Frau wieder einschreiben lassen und selbst für die Kongresswahlen kandidieren. „Ich will Ingrids Fahne hochhalten, sie soll nicht in Vergessenheit geraten“, sagt er.

Die 44-Jährige, die auch die französische Staatsbürgerschaft hat, ist neben drei US-Söldnern die prominenteste der 59 politischen Geiseln der Farc und das wichtigste Faustpfand der Guerilla, die 500 inhaftierte Gesinnungsgenossen freipressen will. Lange zeigte sich Präsident Alvaro Uribe, der im Mai eine Wiederwahl anstrebt, am Schicksal der Geiseln uninteressiert. Gegenüber den Farc, die seinen Vater töteten, zeigte er militärische Härte und errang damit Popularität. Doch jetzt will die Mehrheit der Kolumbianer einen Gefangenenaustausch, und Uribe signalisierte Gesprächsbereitschaft. Er bot der Guerilla für Gespräche sogar eine entmilitarisierte Zone an – jedoch war das Gebiet sehr viel kleiner als von den Farc gefordert, weshalb die Rebellen das Angebot zurückwiesen.

Selbst wenn der Gefangenenaustausch zustande käme, wäre dies nur eine kleine Atempause in dem seit mehr als vier Jahrzehnten andauernden Bürgerkrieg. Mit Uribe sind Friedensgespräche mit den marxistisch inspirierten Farc unwahrscheinlich. Nicht nur wegen des persönlichen Grolls, den der Präsident gegen die Guerilla hegt, sondern auch, weil die Farc inzwischen die meisten ihrer politischen Führer verloren haben und tief in kriminelle Praktiken wie Drogenhandel und Entführungen verstrickt sind.

Zugleich drohen die ultrarechten, ebenfalls in Drogenhandel verwickelten Paramilitärs den Staat zu unterwandern, nachdem Uribe mit ihnen ein Demobilisierungsabkommen schloss, das den Todesschwadronen Straffreiheit gewährt. Bereits im vorigen Kongress kontrollierten Paramilitärs ein Drittel der Abgeordneten. Jetzt aber ist der Unterwanderungsversuch offenbar so massiv, dass sogar der US-Botschafter Uribe zum Handeln aufforderte.

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