Politik : Geiseldrama auf Jolo: Die Geiseln müssen endlich freikommen - fast egal wie (Kommentar)

Christoph von Marschall

Den wahren Wert der Freiheit könne man erst ermessen, wenn man sie vermissen muss, hat der Lehrer Werner Wallert seinen Schülern in Göttingen geschrieben. Bereits vier Monate lang werden er, sein Sohn Marc Wallert und weitere Touristen auf der phillipinischen Insel Jolo gefangen gehalten. Vier Monate, in denen in Deutschland das ganz normale Leben weiterging, das Schuljahr endete, Familien in die Sommerferien fuhren und nun allmählich wieder heimkehren. Vier Monate Alptraum dagegen im Leben der Wallerts. Die periodisch wiederkehrenden Hoffnungen auf ein Ende der körperlichen und seelischen Qualen wirken wie eine kaputte Schallplatte - immer an der gleichen Stelle verhindert ein Sprung, dass es zum erlösenden Finale kommt.

Schon in einer Woche könnten alle Geiseln frei sein - zum wievielten Mal sagt das der phillipinische Vermittler schon? Skepsis ist geboten. Für die moslemischen Rebellen sind die Geiseln nicht nur Geld wert, sie sind zu ihrer Überlebensversicherung geworden, zu lebenden Schutzschilden. Die Armee wartet nur darauf, sie in die Enge zu treiben. Deshalb wollen die Rebellen nicht alle Geiseln auf einmal freilassen, sondern in Gruppen auf Raten, um leichter verschwinden zu können, wenn niemand sie mehr vor Angriffen schützt.

Andererseits muss man argwöhnen, dies sei nur ein neuer Trick, um auf Zeit zu spielen und das Lösegeld weiter in die Höhe zu treiben. Doch nach vier Monaten Geiselhaft ist es höchste Zeit, selbst vage Kompromissmöglichkeiten zu erkunden und alle denkbaren Wege zu nutzen, selbst die Vermittlung Libyens - trotz der Rolle, die Revolutionsführer Gaddafi im internationalen Terrorismus spielte: vom Anschlag auf die Berliner Diskothek "La Belle" bis zum Attentat auf den Pan-Am-Jumbo über dem schottischen Lockerbie. Und trotz seiner Rolle auf Jolo. Ein wenig wird da der Bock zum Gärtner gemacht. Libyen hat die moslemische Rebellenbewegung im Süden der ansonsten christlichen Phillipinen durch Zuwendungen erst groß gemacht.

Doch solche Bedenken müssen vorerst zurückstehen. Zunächst muss es darum gehen, die Geiseln freizubekommen. Wie man gegen die Rebellen vorgeht, wie man international mit Gaddafi umgeht: Diese Fragen stellen sich später - wenn die Platte endlich bis zum erlösenden Finale gespielt ist.

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