Politik : Geiseldrama auf Jolo: Flug zur Begrüßungsfeier nach Libyen

Nach mehrmonatiger Geiselhaft haben die sechs freigelassenen westlichen Geiseln am Montag die Philippinen in Richtung Libyen verlassen. Das philippinische Fernsehen zeigte, wie die vierstrahlige weiße libysche Chartermaschine am Montag von der Stadt Cebu zu einem vierzehnstündigen Flug nach Tripolis abhob. Unter libyscher Vermittlung waren am Sonntag fünf Gefangene, darunter auch der Deutsche Werner Wallert, aus der Geiselhaft freigekommen. Am Montag setzten die Rebellen zudem eine weitere Geisel aus Südafrika auf freien Fuß.

Die sechs Freigelassenen bestiegen die libysche Iljuschin, die einst dem früheren russischen Präsidenten Boris Jelzin gehörte. Auf der Gangway winkten die Freigelassenen zum Abschied und warfen Kusshände. Werner Wallert lächelte und reckte einen Daumen in die Höhe. Am Vortag hatte er nach seiner Freilassung noch einen niedergeschlagenen Eindruck gemacht und gesagt, er sei nicht erleichtert, da sein Sohn Marc weiter in Geiselhaft sei.

Marc hatte sich am Morgen im Lager der Entführer von dem Südafrikaner Carel Strydom verabschiedet, der später freikam. "Pass gut auf dich auf, Callie", sagte der 26-jährige Göttinger. "Jetzt wird es nicht mehr lange dauern... Dann sehen wir uns bald", rief Marc dem Südafrikaner zu und fügte hinzu: "Bis dahin halten wir durch". Die Rebellen halten auf Jolo neben Marc Wallert noch zwei Finnen, drei Franzosen und einen Philippiner fest. Sie sollen nach den Worten der Unterhändler in etwa einer Woche frei kommen.

"Lebe wohl, Jolo", rief Strydom mit bebender Stimme, als er das Geisellager verließ. Bei Strydoms Abschied spielten sich ergreifende Szenen unter den Geiseln ab. Der Finne Seppo Franti drohte einem Unterhändler zufolge mit Selbstmord, sollte er nicht auch auf freien Fuß gesetzt werden. Die übrigen Geiseln schüttelten Strydom die Hand und umarmten ihn.

"Es war die Hölle, ein Albtraum", schilderte der 36-jährige Strydom die viermonatige Geiselhaft. Seine Frau Monique war bereits am Sonntag mit den übrigen Geiseln freigekommen. Er bedauere, dass er seine Freunde habe zurücklassen müssen, sagte Strydom weiter. Ihm sei sehr schwer ums Herz geworden, als er das Lager verlassen habe. Die Geiseln hätten urspünglich damit gerechnet, dass sie nur etwa zwei Wochen in Gefangenschaft bleiben müssten. "Wir hätten niemals erwartet, dass es so lange dauert. Unsere Familien und der Kontakt zu ihnen waren unser Rettungsanker", sagte Strydom.

In der vergangenen Woche hieß es in Verhandlungskreisen, dass Libyen bereit sei, für die zwölf ausländischen Geiseln zwölf Millionen Dollar Lösegeld zu zahlen. Libyen hat erklärt, es zahle kein Lösegeld, sei aber zur Finanzierung von Hilfsprojekten in moslemischen Regionen der Philippinen bereit. Unklar blieb zunächst, wie die geplante Empfangsfeier für die Freigelassenen in Tripolis ablaufen sollte. Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Christoph Zöpel (SPD), wollte Montagabend nach Libyen reisen, um dort den von den philippinischen Geiselnehmern freigelassenen Deutschen Werner Wallert zu begrüßen. Zöpel wird Wallert dann auf der Rückreise nach Deutschland begleiten.

Ursprünglich wurde damit gerechnet, dass Außenminister Joschka Fischer die freigelassene Geisel aus Tripolis abholt. Beobachter in Berlin vermuten, dass Fischer erst nach Tripolis fliegt, wenn auch die letzte deutsche Geisel, Werner Wallerts Sohn Marc, freigelassen wird.

Nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik soll Wallert von Beamten des Bundeskriminalamtes (BKA) vernommen werden. Wegen der Geiselnahme habe man bereits kurz nach Ostern ein Ermittlungsverfahren gegen die Mitglieder der Abu Sayyaf eingeleitet, in dessen Rahmen auch der Lehrer vernommen werden solle, teilte die Staatsanwaltschaft Göttingen mit.

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