Politik : Geiseldrama auf Jolo: Freiheit in Raten

stre/ale/cas

Nun also Tripolis. Als ob es für Werner Wallert und die übrigen freigelassenen Geiseln nicht schon genug Strapazen gegeben hätte. Doch die Freilassung hat seinen Preis. Libyens Staatschef Muammar el Gaddafi will Dank und Anerkennung dafür, dass er mit seinem Unterhändler Azzarouq die Abu-Sayyaf-Rebellen dazu brachte, die Entführten gehen zu lassen. Nicht alle. Aber immerhin schon einige. Am Dienstagvormittag europäischer Zeit landete die Maschine in der libyschen Hauptstadt. Werner Wallert wurde vom Staatsminister im Auswärtigen Amt, Christoph Zöpel, begrüßt. Und von seinem Sohn Dirk. Ein bewegender Moment, für alle, die ihre Angehörigen wiedersahen.

Niemand der Freigelassenen wusste, was nach der Begrüßung im Ehrensaal des Flughafens noch auf sie wartet. Zunächst wurden sie zusammen mit ihren Angehörigen und den Regierungsvertretern in Residenzen begleitet - zur Erholung, wie Tripolis erklärte. Im Anschluss daran begann die Zeremonie im Hauptquartier Gaddafis. Seine Teilnahme war nie bestätigt worden, und er kam auch nicht. Obwohl alle damit gerechnet hatten, dass er sich diese Gelegenheit zur Selbstdarstellung nicht entgehen lassen würde. So gingen auch nur sehr wenige Bilder dieses Ereignisses um die Welt.

Dabei ist Gaddafis Vorliebe für Dramatik und Extravaganz bekannt: Er wohnt in einem bunten Wüstenzelt, lässt sich von weiblichen Leibwächtern schützen und überrascht mit eigenwilligen Kostümen. Gestern aber zeigte er sich von einer anderen Seite: kühl kalkulierend. Er brauchte sich nicht herauszustellen, weil es andere für ihn taten. Er hielt sich zurück, um seinen Sohn Seif el Islam seinen Teil der Anerkennung zu lassen. Seif ist Leiter der Stiftung, die eine Million Dollar pro Geisel zahlte.

Denn seit der Freilassung kann sich der libysche Staatschef in der Dankbarkeit des Westens sonnen. Paris würdigte in einer Erklärung die Rolle Libyens bei den Verhandlungen mit den Entführern. Und auch Bundeskanzler Gerhard Schröder bedankte sich ausdrücklich bei Gaddafis Regierung - ein seltener glanzvoller Moment für diesen, der sich seit Jahren bemüht, das Image des Terroristen abzuschütteln.

Werner Wallert und seine Leidensgefährten werden jedoch kaum an die höhere Diplomatie gedacht haben, als sie bei ihrem Zwischenaufenhalt in Tripolis zu einem beschädigten Gebäude des Revolutionsführers geführt wurden. Dabei war dies der erste Teil der Inszenierung, die an Gaddafi erinnern sollte, ohne dass er persönlich auftreten musste. Denn sein Haus war bei den US-Luftangriffen im April 1986 teilweise zerstört worden, er entkam dem Tod nur knapp. Heute ist das Haus ein Denkmal.

Bei der Zeremonie, dem zweiten Teil der Inszenierung, trug dann Werner Wallert ein T-Shirt mit einem Abbild des Revolutionsführers. Wallert dankte im Namen der Geiseln für die Anstrengungen und Großzügigkeit Gaddafis sowie die der Stiftung seines Sohnes. "Unsere Gefühle sind gespalten", sagte der 57-Jährige. "Einerseits sind wir extrem dankbar, und andererseits sind wir besorgt. Die richtige Freude wird erst aufkommen, wenn auch Marc da sein wird."

Staatsminister Zöpel würdigte Libyens Beitrag offiziell. "Zum libyschen Volk und zur libyschen Führung sage ich: Danke und Schukran (arabisches Dankeswort)." Libyen habe seine Hilfe in der Geisel-Krise angeboten, und Deutschland habe sie dankbar angenommen. Auch Regierungsvertreter der anderen betroffenen Länder lobten Gaddafi und die Stiftung seines Sohnes für die Hilfe.

Erinnerungen an die Hölle

Den noch festgehaltenen Geiseln auf der philippinischen Insel Jolo versprach Zöpel, dass sie bald und sicher in die Freiheit entlassen würden. Niemand würde sich bei den Anstrengungen zurücklehnen. "Zu denen auf Jolo sage ich, seid stark", sagte Zöpel. Nach dem offiziellen Teil wollten der deutsche Staatsminister und Werner Wallert gemeinsam nach Hannover fliegen.

Doch die schwere Zeit ist auch für ihn noch nicht zu Ende. In der Freiheit werden die Entführten immer wieder von ihren Erinnerungen eingeholt. Es sind Bilder, die sie nie vergessen werden. Beispielsweise die Bilder von jenem Ostersonntag, an dem der Albtraum begann. Dieser Tag sei eine Reise vom Paradies in die Hölle gewesen, erinnert sich die französische Geisel Monique Strydom. Bereits in den Booten hätten die Kidnapper ihnen Uhren, Schmuck und andere Wertgegenstände abgenommen. Etwas zu essen hätten sie bis zum nächsten Tag nicht bekommen, als die Entführer einen Zwischenstopp an der Küste einlegten und Kekse und warme Cola einkauften, erzählt Strydom. Nach weiteren drei Stunden endete die Fahrt auf Jolo. Die Geiseln, viele von ihnen barfuß, wurden durch den Dschungel zum entlegenen Lager der Abu Sayyaf in Talipao getrieben.

"Heute ist der beste Tag meines Lebens", sagt Callie Strydom, Moniques Mann, nach seiner Freilassung am Montag. "Aber das Gefühl, dass das Ganze ausgestanden ist, werden wir erst haben, wenn auch die anderen frei sind." Wie die fünf übrigen Freigelassenen trug Strydom in einem Reissack seine kümmerliche Habe bei sich, darunter ein langes Messer und eine Hängematte - Erinnerungen an seine Reise in die Hölle.

Die aber ist noch längst nicht für alle Geiseln beendet. Für einen beginnt sie jetzt erst. Denn am Dienstag wurde offiziell von Manila bestätigt, dass die Abu Sayyaf den Amerikaner Jeffrey Craig Edwards Schilling entführt haben. Sie drohen mit seiner Hinrichtung, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Hier scheint sich ein Kreis zu schließen. Die Moslemrebellen fordern nun wieder das, was sie bereits zu Beginn des Geiseldramas auf den Philippinen verlangt hatten: die Freilassung von Ramzi Yousef, der angeblich 1993 das Attentat auf das World-Trade-Center in New York plante. Das bringt Gaddafi wieder in Bedrängnis. Amerikanische Medien wie CNN fragen schon, warum Tripolis nicht eingreift.

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