Politik : Geiseldrama auf Jolo: Mit Gott und mit Geld (Leitartikel)

Christoph von Marschall

Renate Wallert hat überlebt. Trotz ihres kranken Herzens, trotz der Strapazen einer zwölfwöchigen Haft in den Tropen, die selbst junge, gesunde Menschen überfordern kann. Trotz des nervenzehrenden Wechsels zwischen Hoffen und Verzweifeln, wenn Ärzte und Vermittler kommen und gehen und dann doch nichts geschieht. Trotz der Schießereien der Geiselnehmer mit der Armee und immer neuer Fluchten im Dschungel. 85 Tage zwischen Leben und Tod, da kann man schon den Glauben an die Rettung verlieren. Und wenn es dann doch wahr wird, das ist wohl so, als würde einem das Leben neu geschenkt. Renate Wallert hat zuerst all denen gedankt, die für sie gebetet haben.

Ihre Freilassung - ein Geschenk des Himmels? Ganz bestimmt auch das. Daneben aber haben viele irdische Beteiligte in mühsamer Kleinarbeit die Basis für diesen Erfolg gelegt, der ja kein Schlusspunkt sein soll, sondern der Einstieg in die Freilassung aller Geiseln, darunter Vater und Sohn Wallert, zwei Franzosen, zwei Finnen und sieben Malaysier. Deshalb dankte der Vermittler der philippinischen Regierung auch den Geiselnehmern für die humanitäre Geste.

Dank an die Kidnapper? Das ist - trotz aller berechtigten Erleichterung - das Bedrückende an diesem Tag. Die Verbrecher bestimmen den Gang des Geschehens - nach wie vor. Sie stellen die Bedingungen, sie lassen Gnade ergehen oder geben sich unnachgiebig. Und es sieht ganz danach aus, als werde ihr Kalkül aufgehen: Beträchtliche Summen werden in die Region fließen, ob nun offen oder als Entwicklungshilfe getarnt.

Die Sprecher der Gruppe Abu Sayyaf haben immer wieder versucht, sich den Anschein von Freiheitskämpfern zu geben: Moslems, die unter der christlichen Vorherrschaft auf den Philippinen leiden und deshalb Autonomie auf den südlichen Inseln anstreben. Aber das wirkte aufgesetzt angesichts ihrer wechselnden Forderungen. Da war kein einheitlicher politischer Wille zu erkennen. Rasch zeigte sich eine Rivalität einzelner Gruppen. Regionale Clans haben offenbar einen neuen Geschäftszweig entdeckt. Bisher leben sie von Monopolen auf die regionalen Rohstoffe und den Fischfang, von Piraterie und gelegentlichen Erpressungen der Zentralregierung in Manila. Nun testen sie, ob die Verschleppung westlicher Touristen von der Taucherinsel Sipadan, die zum Nachbarstaat Malaysia gehört, noch einträglicher ist.

Die unübersichtliche Situation machte eine Lösung so schwierig. Es ist nicht falsch, wenn die Bundesregierung am Ende zahlt, um die Wallerts freizubekommen. Sie hat eine Fürsorgepflicht für Bürger, die im Ausland unverschuldet in Not geraten. Auch bei Entführungen oder Geiselnahmen im Inland geht das Leben der Opfer vor, die Strafverfolgung kommt hinterher. Problematisch war dieser Ansatz im Fall Wallert weniger für Berlin als für Manila. Die philippinische Regierung will nicht beliebig erpressbar werden. Bei anderen Geiselnahmen hat sie mehrfach die Armee losgeschickt, es gab Tote. Dieses Risiko wollten die deutsche, französische und finnische Regierung für ihre Entführten vermeiden.

Vereint haben die drei Außenminister ihren Einfluss geltend gemacht, um ein friedliches Ende zu erreichen, deshalb waren sie am Freitag gemeinsam in Manila. Im Gegensatz zu Malaysia, das einzelne Geiseln freikaufte, hat keiner der EU-Staaten einen Alleingang versucht. Da zeigte sich der Wille zu einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik - wie auch in der Entsendung von Javier Solana, dem ersten EU-Beauftragten für die gemeinsame Außenpolitik, als Vermittler auf die Philippinen.

Doch bald werden die Europäer überlegen müssen, wie eine internationale Strafverfolgung in diesem Fall aussehen kann. Ungewollt geht von Jolo die Botschaft aus: Die Geiselnahme europäischer Touristen lohnt. Eine Horrorvorstellung gerade jetzt, zu Beginn der Urlaubs-Saison. Das ist der Preis für die friedliche Lösung. Nun aber muss Europa Nachahmer abschrecken. Verdeckte Ermittler können versuchen, die Drahtzieher zu identifizieren. Europa sollte Manila auch anbieten, diese moderne Piraterie gemeinsam zu bekämpfen. Zuvor jedoch müssen sich die Außenminister um die Befreiung der übrigen Geiseln bemühen. Sie schweben noch immer zwischen Leben und Tod.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben