Politik : Geiseldrama auf Jolo: Über den entführten "Spiegel"-Reporter Andreas Lorenz

Harald Maass

Vor zwei Wochen, abends in einer Pekinger Bar, erzählte Andreas Lorenz im Kollegenkreis von seinen Erlebnissen auf den Philippinen. Damals war der Spiegel-Korrespondent gerade zum ersten Mal auf Jolo entführt worden. Einen Tag war Lorenz in der Gewalt der Rebellen. Eine Erfahrung, die den 48-jährigen nachdenklich gemacht hatte. "Das war ein schlimmes Erlebnis", sagte Lorenz, der als zurückhaltender, besonnener Journalist bekannt ist. "Das möchte ich nicht noch einmal mitmachen."

Am Sonntag ist Lorenz erneut auf Jolo entführt worden. Kollegen und Familienangehörige rätseln, wie es zu der erneuten Entführung kommen konnte. Seine Ehefrau hatte noch am Sonntag vormittag mit Lorenz telefoniert. "Er war wie immer vorsichtig", sagte sie gegenüber der "Frankfurter Rundschau". Am Nachmittag wollte sich Lorenz noch einmal melden, doch dazu kam es nicht mehr.

Im Gegensatz zu anderen, oft jüngeren Journalisten gilt Lorenz als ein vorsichtiger, überlegter Reporter. Mit einer Unterbrechung in Warschau arbeitet er seit 1988 in Asien, zunächst in Bangkok und später in Peking. In dieser Zeit hat er immer wieder auch aus Krisenregionen berichtet, allerdings nur, wenn er die Gefahr abschätzen konnte. "Andreas ist keiner dieser Abenteurer. Er nimmt seinen Auftrag als Reporter ernst, aber er ist auch sehr vorsichtig", sagt eine deutsche Kollegin, die ebenfalls von dem Geiseldrama auf Jolo berichtet. "Wenn man hier noch so vorsichtig ist: ganz ausschließen kann man das Risiko nie", sagt die Journalistin.

Der Fall zeigt das Dilemma, in dem Journalisten in Jolo sind. Auf der einen Seite wollen viele Redaktionen, darunter auch der Spiegel, eine kontinuierliche Berichterstattung über das Schicksal der Wallerts sicherstellen. Auf der anderen Seite ist die Arbeit auf Jolo schlichtweg gefährlich. Bei der ersten Entführung war Lorenz durch die Zahlung eines Lösegelds von 25 000 Dollar freigekommen. Diesmal liegen nach Angaben des Spiegels keine Forderungen vor.

Dass die Arbeit auf Jolo in den vergangenen Wochen eher gefährlicher geworden ist, war allen Journalisten bekannt. "Ich dachte, dass ich alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen hatte", sagt die norwegische Fernsehjournalistin Kjersti Strommen, die trotz Leibwächtern vor einigen Wochen ebenfalls von den Rebellen auf Jolo entführt worden war. Auf einer eigentlich als sicher geltenden Straße innerhalb Jolo-Stadt wurde ihr Jeep von bewaffneten Soldaten angehalten, zusammen mit mehreren französischen Journalisten blieb Strommen mehrere Tage in der Hand der Geiselnehmer. Am Schluss hatte sie Glück: Nach ein paar Tagen ließen die Rebellen sie laufen. Zurück blieb nur die Kameraausrüstung und der Laptop.

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