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Geiseldrama in Kenia : Präsident Kenyatta: Wir haben unsere Gegner besiegt

Vier Tage lang hat Kenia gebannt am Fernseher verfolgt, wie seine Sicherheitskräfte versuchten, einen Terrorangriff zu beenden. Mehrfach hatten die Behörden ein Ende des Einsatzes verkündet - doch erst Dienstagabend gab Kenias Staatschef Entwarnung.

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Sandskulptur mit einem Toten und dem Text "Don't kill innocent people"
Der indische Snadkünstler Sudarshan Pattnaik hat am Strand von Puri in Indien seinen Kommentar zu den Ereignissen in Nairobi...Foto: dpa

Am Dienstagabend gegen 19.30 Uhr hat Kenias Präsident Uhuru Kenyatta das Ende des Geiseldramas im Westgate-Einkaufszentrum in Nairobi verkündet. „Wir haben unsere Gegner beschämt und besiegt“, sagte Kenyatta. Nach seinen Angaben sind beim Angriff von mutmalichen Al-Schabaab-Kämpfern aus Somalia 72 Menschen getötet worden, davon seien 61 Zivilisten, sechs Sicherheitskräfte und fünf Terroristen, sagte er. Kenyatta sprach von elf verhafteten Verdächtigen. Diese sind allerdings nicht im Einkaufszentrum sondern am Flughafen und anderen Orten Nairobis festgenommen worden. Ob einer der Attentäter überlebt hat, war am Dienstagabend weiter unklar.

Gegen vier Uhr morgens am Dienstag hatte das kenianische Innenministerium die Geiselkrise im Westgate-Einkaufszentrum in der Hauptstadt Nairobi zum wiederholten Mal für beendet erklärt. Doch den ganzen Tag hindurch waren immer wieder Schusswechsel aus dem besetzten Gebäude zu hören. Mehrfach gab es Explosionen. Die Polizei erklärte diese damit, dass sie mehrere Stunden lang das vierstöckige Gebäude mit vielen Läden, Restaurants, Kinos, Banken nach Sprengfallen durchsucht habe. Ein Al-Schabaab-Sprecher verkündete dagegen über den nunmehr sechsten Twitter-Account seit Samstag, dass die "Operation größer ist, als es sich die Kenianer vorstellen können". Der Kurznachrichtendienst Twitter hatte das Nachrichtenkonto der Islamistengruppe fünf Mal abgeschaltet, Al Schabaab hat jedesmal wieder einen neuen Account eingerichtet. Das Innenministerium warnte die Öffentlichkeit dagegen davor, auf die "Propaganda" von Al Schabaab hereinzufallen.

Tatsächlich gab es aber auch am Abend noch keine offiziellen Informationen darüber, was mit den in der Nacht nach Angaben der Polizei "befreiten Geiseln" und den auch am Dienstag noch etwa 50 vermissten Personen geschehen war. Journalisten in Nairobi berichteten am Morgen von einer Ambulanz, die ohne Warnsignal davon gefahren sei. Die Leichenhallen der Stadt bereiteten sich derweil auf die Ankunft von "vielen weiteren Toten" vor, berichtete die Nachrichenagentur AP.

Geiseldrama in Kenia
Das Westgate-Einkaufszentrum nach seiner Stürmung. Drei Wochen nach dem Terroranschlag in Nairobi zeichnet sich immer mehr ab, dass die kenianischen Sicherheitsbehörden dramatisch versagt haben. Dass das Einkaufszentrum nun ein Trümmerhaufen ist, unter dem sich noch immer Leichen befinden könnten - knapp 40 Menschen werden weiterhin vermisst -, ist offenbar vor allem der kenianischen Armee zu verdanken, die mit einem Feuer und dem Einsatz schwerer Waffen wohl vor allem ihre eigenen Plünderungen kaschieren wollte.Weitere Bilder anzeigen
1 von 37Foto: dpa
14.10.2013 17:35Das Westgate-Einkaufszentrum nach seiner Stürmung. Drei Wochen nach dem Terroranschlag in Nairobi zeichnet sich immer mehr ab,...

Am frühen Nachmittag forderte die Polizei dann alle diejenigen auf, ihre Fahrzeuge abzuholen, deren Autos auf dem Parkplatz des Westgate-Einkaufszentrums zurückgeblieben waren, als sie aus dem Gebäude flüchteten. Die Gegend sei jetzt sicher, beteuerten die Sicherheitsbehörden. Am Abend dann bestätigte Uhuru Kenyatta, dass es nun vorbei sei. "Die Verluste sind riesengroß", sagte der Präsident. "Wir sind schwer verletzt worden, aber wir waren tapfer, einig und stark." Ausführlich dankte Kenyatta den Präsidenten der Nachbarländer, die er alle namentlich nannte. Auch internationalen Staatslenkern dankte er für Mitgefühl und Unterstützung und nannte den nigerianischen, den südafrikanischen und den äthiopischen Präsidenten. "Auch" der amerikanische Präsident Barack Obama, der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und der britische Premier David Cameron hätten ihm ihr Mitgefühl ausgedrückt, fügte Kenyatta hinzu. Ein deutliches Zeichen, wie distanziert sein Verhältnis auch weiterhin zum "Westen" ist. Am Dienstag entschied fast zeitgleich mit seiner Rede der Internationale Strafgerichtshof, dass er Kenyattas Antrag, den Prozess ein weiteres Mal zu verschieben, nicht folgen werde. Vom 12. November an steht Kenyatta für seine Verantwortung für Verbrechen nach der umstrittenen Wahl 2007 vor dem Weltgericht in Den Haag.

Während des mehr als vier Tage dauernden Dramas in dem 2007 eröffneten edlen Einkaufszentrums im Stadtteil Westlands sind die Kenianer merklich zusammengerückt. Seit Sonntag haben Zehntausende Menschen beim Roten Kreuz Blut gespendet. Hunderte Frauen haben für die Polizisten, Soldaten und Spezialeinheiten im Einsatz gekocht, Wasser geschleppt und warme Getränke verteilt. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter feierten die meisten Kenianer diese neue Einheit (#WeAreOne) und lobten den Mut und den Einsatz der Sicherheitskräfte. Doch am Dienstag mehrten sich dann doch kritische Fragen. Die seit Montagabend mehrfach wiederholte Behauptung des Innenministers Joseph Ole Lenku, dass die Polizei die Kontrolle über das Gebäude übernommen habe, wurde angesichts der realen Ereignisse von immer mehr Diskussionsteilnehmern in Frage gestellt. Offenbar haben Polizei, Armee und andere Spezialeinheiten zu Beginn des Einsatzes auch große Probleme damit gehabt, sich zu koordinieren.

Nach vier Tagen Nerven zerfetzender im Fernsehen live übertragener Spannung stellten auch die ersten Kommentatoren kritische Fragen an den Geheimdienst und die Regierung. Samuel M. Makinda, Professor für Sicherheitsstudien an der Murdoch-Universität in Australien stellte in einem Blogbeitrag für das von Universitäten betriebene Online-Magazin "The Conversation" am Dienstag fest: "Präsident Uhuru Kenyatta und sein Stellvertreter William Ruto stehen derzeit vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Während die Aufmerksamkeit der beiden Staatslenker auf Angelegenheiten im Zusammenhang mit dem Weltstrafgericht gerichtet war, scheint die Tatsache, dass Kenia in Somalia einen Krieg führt, nicht die Aufmerksamkeit bekommen zu haben, die ihr zusteht."

Der Internationale Strafgerichtshof
Das undatierte UN-Foto zeigt das Minarett einer Moschee, die aus Lehm gebaut ist, in Timbuktu, Mali. Als 2012 Tuareg-Rebellen mit Unterstützung von islamistischen Milizen den Norden Malis überrannten, übernahm die Ansar-Dine-Miliz die berühmte Wüstenstadt. Im Sommer begannen sie Heiligengräber zu zerstören. Es gelang den Bewohnern zwar einen Großteil der wertvollen Bibliotheken zu retten. Doch ein Teil der Heiligtümer liegt weiter in Trümmern. Die Versprechen der Weltgemeinschaft und der UN-Kulturorganisation Unesco, die Heiligtümer wieder aufzubauen, haben sich bisher jedenfalls noch nicht materialisiert. Dafür hat die rechtliche Aufarbeitung der Kulturzerstörungen im März 2016 begonnen.Weitere Bilder anzeigen
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03.04.2016 23:55Das undatierte UN-Foto zeigt das Minarett einer Moschee, die aus Lehm gebaut ist, in Timbuktu, Mali. Als 2012 Tuareg-Rebellen mit...

Zu diesem Bild passt, dass sich Innenminister Lenku und Außenministerin Amina Mohamed auf offener Bühne widersprachen. Während Joseph Ole Lenku bei seinen Pressekonferenzen sicher war, dass der Angriff auf das Einkaufszentrum von zehn bis 15 bewaffneten Männern ausgeführt worden sei, von denen sich lediglich einige als Frauen verkleidet hätten, sagte Mohamed, eine Britin gehöre zu den Attentätern. Nach Einschätzung der Ministerin handele es sich um die "weiße Witwe", die 29-jährige Witwe eines Attentäters vom 7. Juli 2005 in London. Die britischen Behörden konnten zu dieser Spekulation wenig sagen. Amina Mohamed sprach zudem im amerikanischen Fernsehsender PBS und später auch beim britischen Sender BBC von zwei bis drei 18- oder 19-jährigen Amerikanern mit somalischen Wurzeln, die ebenfalls an dem Angriff beteiligt sein sollen. Woher sie ihre Erkenntnisse bezog, sagte Amina Mohamed nicht. Aber sie brachte das Westgate-Attentat mit Al Qaida in Verbindung. Kenia kämpfe gegen den "internationalen Terrorismus", sagte sie und wiederholte damit eine These ihres Chefs Uhuru Kenyatta, der das schon am Sonntagnachmittag behauptet hatte. Allerdings bestätigte er in seiner Rede Mohameds These von den ausländischen Tätern zunächst nicht. Dies werde bei der Obduktion geklärt werden, meinte er nur.

Am Dienstag meldete sich dann auch die Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH), Fatou Bensouda, zu Wort. Nach ihrer Einschätzung stellt der Terrorangriff auf das Einkaufszentrum in Nairobi ein Verbrechen dar, das der IStGH ahnden könnte. Sie bot der kenianischen Regierung Kooperation und Hilfe bei der Aburteilung der Täter an. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, weil das kenianische Parlament vor zwei Wochen beschlossen hat, dass sich Kenia aus dem IStGH zurückziehen will, weil dieser darauf beharrt, die Prozesse gegen Kenyatta und Ruto fortzuführen, auch nachdem diese im März an die Macht gewählt worden waren. Allerdings dürfte Bensoudas Angebot keinen praktischen Wert mehr entfalten. Der Einsatz von Polizei und Armee war nicht darauf angelegt, am Ende überlebende Angeklagte zu präsentieren, sondern die Attentäter nicht lebend davon kommen zu lassen. Bis zum Abend war denn auch unklar, ob überhaupt einer der Attentäter überlebt hat.

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