Politik : Geiseldrama – mehr als 200 Tote

-

Spezialeinheiten

stürmen von Terroristen besetzte Schule in Beslan

Einige Geiselnehmer fliehen – offenbar mit mehreren Opfern

Unter den 20 getöteten Attentätern sollen

mehrere Araber sein

Beslan/Moskau - Das Geiseldrama im Süden Russlands ist am dritten Tag offenbar mit einer Katastrophe zu Ende gegangen: Bei einem Sturmangriff auf die von Rebellen besetzte Schule in Beslan im Norden Ossetiens kamen am Freitag nach Angaben aus den russischen Gesundheitsbehörden mehr als 200 Menschen ums Leben. Berichte, wonach der russische Krisenstab intern von mindestens 300 Toten ausgeht, wurden offiziell nicht bestätigt. Die Agentur Itar-Tass berichtete, 704 Menschen seien mit Verletzungen in Krankenhäuser eingeliefert worden, unter ihnen 259 Kinder. Vielen Opfern soll in den Rücken geschossen worden sein. Nach Angaben von Aslanbek Aslachanow, des Beraters von Russlands Präsident Wladimir Putin für Tschetschenien, hatten sich seit Mittwoch insgesamt 1200 Geiseln in der Hand der Terroristen befunden.

Der Leiter des Geheimdienstes FSB in Nordossetien, Valerie Andrejew, sagte, es habe keine Pläne gegeben, die Schule zu stürmen, die russische Seite habe auf Verhandlungen gesetzt. Nach Angaben russischer Behörden hatten Helfer am Mittag Leichen vom Gelände bergen wollen. Laut FSB-Chef Andrejew gab es dabei zwei starke Explosionen. Das Dach des Schulgebäudes brach teilweise ein. Zwei Bomben hatten in Basketballkörben in der Turnhalle gehangen, sagte ein Polizeisprecher im russischen Fernsehen. Der Bombenexperte ergänzte, die Turnhalle sei mit Bomben gespickt gewesen.

Eine Gruppe von 30 Frauen und Kindern nutzte laut Andrejew die Detonationen und stürmte ins Freie. Dabei seien sie von Rebellen beschossen worden, Sicherheitskräfte und Zivilisten hätten den Fliehenden Feuerschutz gegeben. Einsatzkräfte sprengten ein Loch in eine Gebäudemauer, um den Eingeschlossenen den Weg ins Freie zu bahnen. Die Rebellen teilten sich nach Polizeiangaben offenbar in drei Gruppen auf. Ein Teil blieb in der Schule.Erst nach mehreren Stunden wurde das Ausmaß der Katastrophe erkennbar: In der Schule wurden mehr als 100 Tote entdeckt, von denen bis zum Abend 95 identifiziert wurden. Die meisten wurden von dem Dach über der Halle erschlagen, das nach einer Explosion über den Geiseln einstürzte. Eine der entkommenen Geiseln sagte im russischen Fernsehsender NTW, eine Geiselnehmerin habe sich in der Turnhalle in die Luft gesprengt.

Fernsehbilder zeigten, wie Kinder blutüberströmt und nur mit Unterwäsche bekleidet flüchteten. Verwundete wurden auf Tragen in Krankenwagen gebracht. Unter den Schwerverletzten waren mindestens sechs Kinder, darunter ein Junge, der ein Bein verloren hatte, und ein Mädchen mit einer klaffenden Rückenwunde. Frauen brachen bewusstlos zusammen. Die Einsatzkräfte brachten Verletzte in ein Feldlazarett.

Die Soldaten übernahmen im Verlauf des Tages nach und nach die Kontrolle über das Schulgebäude. Insgesamt wurden nach Angaben des russischen Geheimdienstes 20 Geiselnehmer getötet. Unter ihnen seien auch zehn Bürger arabischer Staaten, sagte Geheimdienstchef Andrejew.

Am späten Freitagabend ebbten die stundenlangen Gefechte der Einsatzkräfte mit geflohenen Terroristen ab. Vier der pro-tschetschenischen Geiselnehmer konnten entkommen und wurden am Abend noch gesucht, wie Itar-Tass unter Berufung auf den Krisenstab meldete. Nach einem Bericht eines ARD-Korrespondenten in Beslan hatten sie offenbar auch mehrere Geiseln in ihrer Gewalt. Zuvor war in Medien von zwei Frauen mit Sprengstoffgürteln berichtet worden, nach denen gefahndet werde.

Die Weltöffentlichkeit reagierte mit Entsetzen. Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach den Opfern des Geiseldramas sein Mitgefühl aus und zeigte sich erschüttert über die „menschliche Tragödie“. Vor Beginn einer Kabinettsklausur in Bonn sagte der Kanzler: „Terror muss bekämpft werden, wo immer er stattfindet. Politische Lösungen sind nur mit denen möglich, die Terror ohne Wenn und Aber ablehnen.“ US-Präsident George W. Bush sagte bei einem Wahlkampfauftritt in Wisconsin, er trauere um die Opfer. Die Vorgänge in Beslan seien eine bittere Mahnung und zeigten, wozu Terroristen bereit seien, um die zivilisierte Welt zu bedrohen. Tsp/AP/AFP/rtr/dpa

Warum?

Hintergründe des Geiseldramas2

Ein Leben lang

Welche Hilfe die Opfer brauchen2

Chaos nach dem Sturm

Der Tag in Beslan3

Augenzeugen

Die Befreiung im Fernsehen 27

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben