Politik : Geiselnahme bei Diplomatenempfang in Lima

INGRID MÜLLER

Peruanische Guerilleros überfielen japanische Botschaft und fordern Freilassung von inhaftierten Gesinnungsgenossen Lima/Bonn (Tsp).Peruanische Guerilleros haben in der Nacht zum Mittwoch rund 120 Menschen, darunter den deutschen Botschafter und zwei weitere Deutsche, bei einem Diplomatenempfang in Lima als Geiseln genommen und mit ihrer Erschießung gedroht.Außer dem deutschen Botschafter Heribert Wöckel, dessen Vertrerer Jürgen Steinkrüger und Entwicklungsreferent Hannspeter Nintzel seien keine weiteren Bundesbürger unter den Geiseln, teilte das Auswärtige Amt in Bonn mit.Der japanische Botschafter hatte am Dienstag zu einem großen Empfang anläßlich des Geburtstags von Kaiser Akihito geladen.

Nach Angaben der freigelassenen Ehefrauen von Nintzel und Steinkrüger hielten die Terroristen im Wohnzimmer der Residenz etwa 80 Personen fest.Botschafter Wöckel befinde sich mit 15 weiteren Personen in einem separaten Raum.Eine Kontaktaufnahme sei nicht möglich.Unter den Geiseln sind rund ein Dutzend Botschafter, zwei peruanische Minister und zahlreiche japanische Geschäftsleute.Eine Panik habe es nicht gegeben.Die Geiselnehmer fordern die Freilassung aller ihrer rund 400 Gesinnungsgenossen aus peruanischen Gefängnissen.Sie haben am Mittwoch die persönliche Anwesenheit von Präsident Alberto Fujimori bei den Verhandlungen gefordert.Ein Mitglied des Kommandos sagte im Rundfunk, dem Präsidenten werde nichts passieren, er solle gemeinsam mit dem Ombudsmann des Volkes, Jorge Santisteban, und dem belgischen Geistlichen Hubert Lanssiers "zum Dialog kommen".Der japanische Außenminister Yukihiko Ikeda kündigte an, er werde am Donnerstag nach Lima fliegen. In Bonn und Tokio wurden Krisenstäbe gebildet.Das peruanische Parlament trat zu einer Krisensitzung zusammen.Die Bundesregierung in Bonn bot den Einsatz technischer Experten des Bundeskriminalamtes bei der Lösung des Geiseldramas an. Unteressen übernahm der Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes in Lima, Michael Minning, erste Vermittlungsversuche zwischen den Rebellen der Revolutionären Bewegung Tupac Amaru (MRTA) und der Regierung von Präsident Alberto Fujimori.Inzwischen hat sich laut Fernsehberichten die Polizei auf Geheiß des japanischsstämmigen Präsidenten Fujimori aus der unmittelbaren Nähe der Residenz zurückgezogen, um das Leben der Geiseln nicht zu gefährden.Unter den Festgehaltenen sind der peruanische Außenminister Francisco Tudela und andere Politiker des Andenstaates.Weiter sind die Botschafter von Österreich, Japan, Brasilien, Kanada, Kuba, Griechenland und Spanien unter den Geiseln.Zeugen berichteten, die rund 20 Angreifer hätten sich als Kellner verkleidet Zutritt in ein Festzelt im Garten der Residenz verschafft.Nach der Schießerei seien die Geiseln von den Guerilleros in das Haus getrieben worden.

Deutsche Diplomaten in Geiselhaft: Insgesamt sechs Fälle seit 197031.3.1970: Karl Graf Spreti, Botschafter in Guatemals, wird von Guerillas entführt und nach fünftägiger Geiselhaft ermordet. 11.6.1970: Ehrenfried von Holleben, Botschafter in Brasilien, wird in Rio de Janeiro entführt.Die brasilianische Regierung läßt 40 politische Häftlinge frei.Von Holleben ist am 16.6.1970 wieder frei. 1.12.1970: Der Wahlkonsul im spanischen San Sebastian, Egon Beihl, wird von der ETA entführt.Er kommt nach 23 Tagen ohne Gegenleistung frei. 21.11.1973: Kurt-Georg Nagel, Wahlkonsul in Venezuela, wird von Terroristen entführt und einen Tag später befreit. 27.12.1973: Thomas Niedermayer, Honorarkonsul in Nordirland, wird entführt.Seine Leiche wird erst 1980 auf einer Müllhalde in Belfast entdeckt. 24.4.1975: Die RAF nimmt zwölf Diplomaten und Angestellte der deutschen Botschaft in Stockholm als Geiseln.Bonn verweigert die geforderte Freilassung von 26 inhaftierten RAF-Mitgliedern.Der Militärattaché Andreas von Mirbach und der Botschaftsrat Heinz Hillegaart werden erschossen, bevor die Geiselnahme durch Erstürmung der Botschaft beendet wird.

KOMMENTAR Eine Art Kriegserklärung VON INGRID MÜLLER

Die Terroraktion in Lima ist ein herber Rückschlag für Perus Präsidenten Alberto Fujimori.Er hatte bereits den Sieg über die Terroristen verkündet, nachdem 1992 spektakulär die Festsetzung der Führer beider großer Guerilla-Organisationen gelungen war - und Sendero-Führer Guzman mit weltweit beachtetem Theaterdonner der Prozeß gemacht wurde.Und es kehrte wirklich Frieden ein.Das rechnete die Bevölkerung Fujimori nach dem blutigen Untergrundkrieg hoch an und wählte ihn 1995 mit großer Mehrheit wieder.Fujimori führt inzwischen sogar Staatsgäste in die einstigen Terror-Hochburgen, im Frühjahr noch den Bonner Entwicklungsminister Spranger. Die Deutschen haben dem Mann mit der harten Hand, der auch die Inflation von fast 8000 auf zehn Prozent gesenkt hat, sogar seinen Selbstputsch nachgesehen.Kurz nach Spranger gab sich Außenminister Kinkel die Ehre.Peru war wieder im Club der gelittenen Länder, die Hoffnung auf Investitionen schienen nicht unbegründet.Und nun der Schlag der MRTA, noch dazu auf die japanische Botschaft.Das darf als neue Kriegserklärung auch an Fujimori persönlich verstanden werden, der Sohn japanischer Einwanderer ist.Und die Japaner gehören zu den größten Geldgebern.Sollte die Aktion, die offenbar erstmals wieder generalstabsmäßig geplant war, der Auftakt einer neuen Gewaltwelle sein, könnte Peru wieder im Chaos versinken.

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