Geiselnahmen in Afghanistan : Gefährlicher Dominoeffekt gegen Karsai

Südkorea verhandelt direkt mit den Taliban und umgeht den afghanischen Präsidenten. Damit schwächen sie allerdings die Position von Karsai. Das könnte gefährliche Folgen haben.

Afghanistan Karsai Foto: dpa
Ein südkoreanischer Gesandter im Gespräch mit Afghanistans Präsident Karsai (r.). Südkorea will jetzt direkt mit den Geiselnehmern...Foto: dpa

Kabul - Die Geheimdienste haben im Zusammenhang mit dem Nervenkrieg in Afghanistan um den entführten deutschen Bauingenieur Rudolf B. und die südkoreanischen Geiseln vor einer „politischen Anerkennung“ der radikal-islamischen Taliban gewarnt. „Wenn die südkoreanische Regierung in direkte Gespräche mit den Taliban tritt, um ihre 21 Landsleute aus der Gewalt der Rebellen zu bekommen, würde das Mörder auf eine offizielle politische Ebene bringen“, erklärten Vertreter westlicher Geheimdienste am Wochenende in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Taliban-Sprecher Kari Jussuf Ahmadi hatte mitgeteilt, dass man bilaterale Gespräche mit der südkoreanischen Regierung aufgenommen habe. Die Taliban wollen die Südkoreaner, die am 19. Juli von ihnen verschleppt wurden, nur gegen die Freilassung von acht ihrer Kämpfer freigeben.

Der südkoreanische Präsident Roh Moo Hyun hatte die Verhandlungsbereitschaft Seouls mit den Geiselnehmern angeboten. Die Regierung sei bereit, alles mit den „maßgeblichen Parteien“ zu tun, um die Freilassung ihrer Bürger zu erreichen, hatte der Präsident unterstrichen. Mit den „Parteien“ seien auch die Taliban gemeint. Sie haben schon zwei von den ursprünglich 23 entführten Südkoreanern brutal getötet. „Das heißt, eine demokratisch gewählte Regierung tritt in Verhandlungen mit Mördern“, gaben die Geheimdienstler in Kabul zu bedenken. Die „Verhaltensweisen“ für künftige Entführungen seien „vorprogrammiert worden“. Das werde einen „unabsehbaren Dominoeffekt auslösen und andere Regierungen, deren Staatsangehörige gekidnappt werden könnten, in Zugzwang bringen“.

Durch die „offiziellen Verhandlungen“ der Taliban mit der südkoreanischen Regierung würden die Islamisten „ihre Machterweiterung demonstrieren können“, betonten die Geheimdienstler. Ahmadi hatte umgehend wissen lassen, der Taliban-Führungsrat habe für die Verhandlungen mit Seoul bereits eine Delegation zusammengestellt. Mitglieder der Taliban seien in der südostafghanischen Provinz Ghasni, wo die Südkoreaner gefangengehalten werden, zu einem Treffen mit offiziellen südkoreanischen Vertretern bereit. Unter den südkoreanischen Gefangenen befinden sich 18 Frauen.

Die 20- bis 30-jährigen Südkoreaner, die einer christlichen Freikirche angehören, waren im Rahmen einer „Missionsfahrt“ am 13. Juli in den gefährlichen Süden Afghanistans gekommen. Die Mitglieder der protestantischen „Saemmul Community“ aus der Stadt Bundang wollten bei den Afghanen „Missionsarbeit leisten“ und auch Kindern helfen. Nach den USA ist Südkorea das Land, das die meisten Christen mit missionarischen und sozialen Aufgaben ins Ausland schickt. Die afghanischen Behörden bezeichneten das Vorhaben der Südkoreaner, ausgerechnet in dem von den Taliban beherrschten Süden Afghanistans zu reisen, als „abenteuerlichen Leichtsinn“. Im vergangenen Sommer waren rund 1200 südkoreanische Christen in das islamische Afghanistan gekommen.

In der Entführung der südkoreanischen Gruppe sehen die Geheimdienste in Kabul auch den Versuch der Taliban, die Wiederaufbauprojekte der verschiedensten ausländischen humanitären Organisationen zu boykottieren. Es handle sich um einen Terror gegen den Wiederaufbau in Afghanistan, erläuterten die Nachrichtenexperten. Mehr als fünf Jahre nach dem Sturz ihres Regimes hätten die Taliban ihren Kampf um die Rückkehr an die Macht am Hindukusch „gefährlich verstärken können“.

Der afghanische Präsident Hamid Karsai, der im Juni 2002 von der großen Ratsversammlung Loja Dschirga in Kabul zum Staatsoberhaupt gewählt worden war, sei durch die Geiseldramen um die beiden deutschen Bauingenieure und die Südkoreaner „in eine äußerst heikle Situation geraten“, meinten Beobachter in Kabul. Die Taliban hätten seine „Machtlosigkeit im ganzen Land drastisch vorgeführt“. ddp

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben