Politik : Geiselnehmer wollen Arbeit: Der Kampf ums Schwarze Gold

Christoph Link

Die Täter kamen mit acht leichten Motorbooten, sie fuhren unbemerkt durch die verzweigten Arme des mit Mangroven dicht bewachsenen Niger-Deltas. Wie die Piraten es schafften, die hoch aus dem Wasser des Atlantiks aufragenden Shell-Bohrinseln Malard 72 und Malard 75 zu entern, ist noch ungewiss.

Am Dienstagabend jedenfalls hat der Ölkonzern bestätigt, dass sich 165 Mitarbeiter der Bohrinseln, darunter fünf Briten, in der Gewalt von 35 jungen Männern befinden. Shell-Pressesprecher Harriam Essa Oyofo ergänzte, dass die Geiselnehmer verlangt hätten, dass ihnen von der Ölförderfirma - ein Subunternehmen von Shell - feste Arbeitsplätze angeboten werden. Man habe Verhandlungen aufgenommen. Die lokalen Behörden seien eingeschaltet worden. Über die Lebensbedingungen der Geiseln ist wenig bekannt, der Standort der Bohrinsel gilt als schwer zugänglich. "Wir nehmen an, dass unsere Mitarbeiter unter Lebensmittelkürzungen leiden", sagte Oyofo.

Entführungen von Mitarbeitern von Ölfirmen sind im Niger-Delta nichts Ungewöhnliches. Immer wieder kommt es vor, dass Arbeiter oder ganze Hubschrauberbesatzungen von der lokalen, verarmten Bevölkerung festgesetzt werden. Meist enden diese Geiselnahmen glimpflich, nach ein paar Tagen werden die Inhaftierten gegen Lösegeld wieder freigelassen.

Mitte Juni waren beispielsweise 24 Chevron-Mitarbeiter von der Ölplattform Escravos entführt worden, im Frühjahr war eine fünfköpfige Helikoptercrew von Esso tagelang verschwunden. Die Mitarbeiter der Ölfirmen sind unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen untergebracht. Zu den Ölplattformen werden sie meist mit Hubschraubern geflogen.

Nigeria ist der sechstgrößte Ölförderstaat der Welt, seine Förderung von täglich zwei Millionen Barrel Öl macht ihn zu einem der finanzstärksten Länder Afrikas. Doch gleichzeitig ist Nigeria mit 120 Millionen Einwohnern auch der bevölkerungsreichste Staat auf dem Schwarzen Kontinent. Ausgerechnet das Niger-Delta, wo die reichen Ölförderstätten liegen, gehört zum ärmsten Landstrich Nigerias.

Fehlende Straßen, keine Stromanschlüsse, kein sauberes Trinkwasser: So sieht es in vielen Orten des Niger-Deltas aus. Die stählernen Kolosse der Ölfirmen vor Augen, die den Reichtum greifbar machen, waren die Ursache dafür, dass es auch in den Jahrzehnten der Militärdiktatur immer wieder Übergriffe auf die Ölanlagen gab. Parallel dazu gab es Proteste gegen die Verschmutzung des Deltas durch die Ölförderung. Besonders das Volk der Ogoni begehrte dagegen auf.

"Wir sind an einem Scheideweg angelangt. Jetzt müssen wir das Schicksal selbst in die Hand nehmen." Die Kampfansage eines führenden Aktivisten im Niger-Delta war für die verarmten Bewohner auf den Ölfeldern Nigerias ein deutliches Signal: Die Regierung, die sie trotz zahlreicher Versprechen nicht an dem Erlös des schwarzen Goldes beteiligt, verstehe offenbar nur eine Sprache - die der Gewalt.

Auch der unter dem Militärregime von Sani Abacha später hingerichtete Schriftsteller Ken Saro-Wiwa machte auf den "ökologischen Krieg" gegen die Delta-Bewohner aufmerksam. Dass seine Vorwürfe handfest waren, hat spätestens ein Gerichtsbeschluss vom vergangenen Juni bewiesen. Der Ölkonzern Shell wurde von einem nigerianischen Gericht verurteilt, 40 Millionen US-Dollar Entschädigung für einen unkontrollierten Ölaustritt vor 30 Jahren im Ogoni-Land zu bezahlen. Nutznießer des Geldes soll das Dorf Ejamaa Ebubu sein, das vor neun Jahren Klage einreichte. Shell hat das Urteil angefochten.

Triebfeder für Unruhen und Überfälle ist die soziale Armut der Delta-Bewohner. Sowohl unter dem Militärregime von Abacha als auch unter der Regierung des zivilen Präsidenten Olusegun Obasanjo hat es Kommissionen gegeben, die Gelder der Ölkonzerne an die Bevölkerung weiterleiten sollten, zum Bau von sozialen Einrichtungen und zur Schaffung von Arbeitsplätzen. Unter Abacha galt diese Entwicklungskommission als im höchsten Maße korrupt und ist deshalb in Misskredit geraten.

Obasanjo, der jetzt erst gut ein Jahr im Amt ist, löste die alte Kommission auf und schuf eine neue, die "Niger Delta Development Commission". Die Statuten sehen eine Beteiligung der Öl produzierenden Regionen an 13 Prozent der Einnahmen vor, doch Vertreter des Volkes der Ijaw fordern mehr: Sie wollen fünfzig Prozent. Auch der zivile Präsident Obasanjo hat schon bewiesen, dass er im ständig unruhigen Niger-Delta mit Härte vorgeht. Nach der Ermordung von mehreren Polizisten in einem Dorf ließ er dort die Armee einmarschieren, die große Verwüstungen anrichtete.

Der Bayelsa-Staat, wo jetzt die Massenentführung stattfand, ist schon mehrfach Schauplatz für blutige Unruhen gewesen. Dort kamen in den 90er Jahren Hunderte von Menschen ums Leben. Radikale Milizen der Ijaws forderten 1998 nach einer Ölexplosion die Einstellung der Ölförderung, zerstörten Förderanlagen und bedrohten das Personal. Im Juli letzten Jahres entführten Jugendliche vom Volk der Isoko 64 Shell-Mitarbeiter und ließen sie später wieder frei. Auch die Isoko fordern von dem Ölkonzern mehr Geld für Schulen, Straßen und Krankenhäuser.

Nicht alle Delta-Bewohner sind allerdings originäre Nachbarn der Ölförderstätten. So hat ein "Geo"-Reporter, der drei Monate lang im Delta recherchierte, nachweisen können, dass einige verarmte Nigerianer extra in die Nähe der Ölförderstätten ziehen, weil sie sich dort Subventionen erhoffen.

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