Politik : Geisterstunde im Kanzleramt

Peter von Becker

Morgen Abend lädt Gerhard Schröder knapp 30 Schriftsteller, Philosophen und Künstler zu sich ins Kanzleramt. Eine illustre Schar, geschöpft aus der Creme deutscher Intellektueller. So sollen unter den Kanzler-Gästen die Autoren Günter Grass, Martin Walser, Stefan Heym, Christa Wolf, Siegfried Lenz, Volker Braun, Friedrich Christian Delius, Christoph Hein und Walter Jens sein, der Philosoph Peter Sloterdijk sowie die Film- und Theaterregisseure Volker Schlöndorff und Jürgen Flimm.

Sie alle haben einen kurzen Brief erhalten, in dem der Kanzler schreibt: "Nach dem 11. September hat sich vieles verändert. Neue Fragen sind uns gestellt. Fragen, die sich an Intellektuelle wie an Politiker richten." Daher bitte er zu "einem ausführlichen Gespräch", verbunden mit einem Abendessen. Von Seiten der Bundesregierung wird wohl nur noch Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin teilnehmen.

Ein Termin, der als so vertraulich gilt, dass noch vorgestern Mitarbeiter des Kanzleramts nichts von der Einladung wussten und auf die SPD-Zentrale im Berliner Willy-Brandt-Haus verwiesen. Dort wusste man erst recht von nichts, weil die Einladung tatsächlich vom Kanzler kam, nicht vom Parteivorsitzenden. Auch einige Empfänger des Briefs waren überrascht, dass Manfred Bissinger, Schröder-Intimus und Herausgeber der Hamburger "Woche", die Einladung am Donnerstag in seinem Blatt ausgeplaudert hat. Einer der eingeladenen Autoren zum Tagesspiegel: "Es sollte alles diskret sein. Und es wäre taktlos, wenn jemand von uns das Gesprächsthema jetzt schon vorab kommentierte."

Im Kanzleramt wird das Treffen am Sonnabend eingereiht in den "ständigen Dialog des Bundeskanzlers mit Repräsentanten unserer Gesellschaft", so ein Sprecher zum Tagesspiegel. Aber tatsächlich ist die Begegnung im Kanzleramt ein Ereignis. Beraten von Künstler-Freund und Ex-Juso Jürgen Flimm, versucht Gerhard Schröder an den Gestus von Willy Brandt anzuknüpfen. Brandt, damals beraten von Günter Grass, hatte vor 30 Jahren als Bundeskanzler erstmals emphatisch den Dialog zwischen "Geist und Macht" beschworen. Auf dem legendären Kongress des Verbandes deutscher Schriftsteller in Stuttgart im November 1970 forderte Brandt von den Intellektuellen die "furchtlos-aktive" Einmischung, wenn es um "sittliche und geistige Normen" gehe. Jetzt geht es um den Afghanistan-Krieg, um die deutsche Beteiligung und um die Sicherheitsgesetze. Da wird der Kanzler bei Grass oder Sloterdijk auf massive Einwände stoßen. Aber weil das alle Beteiligten vorab wissen, wird dem Geistesgipfel vor allem eine symbolisch-atmosphärische Bedeutung zukommen. Im Übrigen hat der Kanzler außer den ostdeutschen Autoren fast nur jene Weisen geladen, die schon bei Willy Brandt dabei waren. Auch so ist es ein Veteranentreffen, und die Politiker sind die Jüngsten in der Runde.

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