Geisteshaltung : Was ist konservativ?

Es lebt überall. In uns, und sei es in einem Winkel. Es lebt aus dem, was immer gilt. Das ist die Geisteshaltung. Die benötigt eine Werteordnung, aber keine Partei.

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WOHER KOMMT DAS KONSERVATIVE?

Im Ernst: aus uns. Jeder, früher oder später – in aller Regel eher später – wird ein Stück weit konservativer. „Ein Stück weit“ ist einer der Lieblingsbegriffe eines der großen Konservativen unserer Zeit, Wolfgang Schäuble. Und ausgerechnet dieser Begriff verliert seine Profanität, wenn man ihn auf seine Konservativität hin anschaut. Nicht mehr als „ein Stück weit“ soll sich ändern, verändert werden, was uns bekannt vorkommt. Ein Stück weit ist noch übersichtlich, was dahinter kommt – ist unsicheres Terrain, für das jedes Maß fehlt. Ja, Progressivität muss ihre Grenzen haben. Wo kommen wir denn sonst hin? Und in dem Maße, in dem unser aller Unbeweglichkeit steigt (das geht einher mit unseren Lebensjahren), in dem Maße siecht dann auch der Wagemut. In aller Regel. Ausnahmen gibt es: Erhard Eppler zum Beispiel, ein großer Wertkonservativer unserer Zeit.

Schäuble CDU, Eppler SPD – daran sieht man: Es kommt das Konservative nicht aus einer Partei, sondern, wenn es wohlverstanden ist, aus einer Geisteshaltung. Die besagt: Man muss nicht alles ändern um des Änderns willen, wohl aber muss man mitunter ändern, um das Bewährte zu bewahren. Weil, was logisch ist, über die Zeit nicht alles bleibt, wie es ist. Oder bleiben wir immer dieselben? Nein, kein Mensch badet im selben Flusse zum zweiten Mal. Der Konservative, mit der Zeit mehr darauf bedacht, das Erreichte zu sichern, will eben nur nicht, dass der Strom der Zeit ihn mitreißt. Ein anderer, der konservativ genannt wurde, Franz Josef Strauß, meinte einmal, der Konservative marschiere an der Spitze des Fortschritts – um ihn, sein Tempo und seine Richtung zu beeinflussen, sollte das heißen. Er braucht dafür einen Kompass: seine Werteordnung.

WAS MACHT DAS KONSERVATIVE AUS?

Das Genannte – und noch mehr. Konservativ wird ja immer verwechselt mit „rechts“. Und das klingt gleich wieder radikal und wie eine Verunglimpfung. Es ist eher ein politisch-rhetorischer Trick, eine Kopplung des politischen Gegners mit einer negativen Assoziation. Wer will schon rechts sein? Konservativ ist eben auch einer wie – Eppler. In den Werten, in dem Wunsch, zum Beispiel die Gesellschaft in ihrem Kern, dem solidarischen, zu bewahren; wie es das lateinische Wort vorgibt, „conservare“, bewahren. Da geht es nicht um Sekundärtugenden, nicht vorrangig zumindest, nicht um Fleiß, Strebsamkeit, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, obwohl deren Bedeutung für ein freundliches Miteinander heutzutage allzu leichtfertig geringgeschätzt wird. Vielmehr ist wichtig, dass wahre Tugenden gelebt werden. Zum Beispiel die der Wahrhaftigkeit. Nun sind die Griechen gerade nicht so angesehen, aber bei den alten sollten wir eine Ausnahme machen. Aristoteles sagt: Alles, was du sagst, muss wahr sein. Du musst nur nicht alles sagen. Das entspricht noch heute einer lebbaren Weisheit. Es gibt noch mehr, nachzulesen in der Tugendtafel des Aristoteles. Die zu bewahren, ist auch ein konservativer Akt – aber nicht misszuverstehen. Hoffentlich. Oder doch lieber die Kant’sche Maxime: „Die Pflicht gegen sich selbst besteht darin, dass der Mensch die Würde der Menschheit in seiner eigenen Person bewahre.“ Was im Praktischen heißt: die Menschenrechte bewahren, die Menschenwürde und die dem Menschen dienende Funktion der Wirtschaft.

WO GIBT ES DAS KONSERVATIVE HEUTE NOCH?

In der Kirche, kein Witz. Sie ist gegenwärtig auch nicht so en vogue. Aber die katholische wie die evangelische Kirche, zum Beispiel, haben ihre Rituale, die dem Einzelnen Halt geben. Sie bilden ihre Gemeinden, die Zusammenhalt mindestens anbieten. Und das schon seit vielen, vielen Jahren, Jahrhunderten, Jahrtausenden. Überlebt hat es sich nicht; und weil es sich bewährt hat, wird es – in kleinerem Rahmen vielleicht – überleben. Der Papst als Institution für die einen, Luther als ewiger Leitstern für die anderen. Margot Käßmann wird verziehen, weil es Luther gab, einen, der Glauben und Kirche menschlich machte. Benedikt XVI. wird fürs Fortbestehen seines Amtes fundamental wichtig gewesen sein, weil er eben nicht anmaßend unfehlbar ist, es nicht einmal behauptet, sondern die Fehlbarkeit des Menschen in seinen Antworten aufs Alltägliche lebt, ebenso aber den Blick schärfen kann auf ein transzendentes Sein.

Und dann kommen Politiker wie Friedrich Merz, der einmal die CDU/CSU-Bundestagsfraktion geführt hat, oder sein Nachnachfolger Volker Kauder heute, die sich beide christdemokratisch nennen – aber nur ja nicht als konservativ gelten wollen. Das zeigt, dass sie sich mit dem Gedanken nur vordergründig befasst haben werden. Dagegen Claudia Roth, die vermeintlich schrille Linke an der Spitze der grünen Bundespartei: Sie lebt ein vom Wertkonservativismus tief geprägtes Leben. Wie auch Fritz Kuhn, ebenso ein führender Kopf der Grünen. Oder Antje Vollmer. Oder, ja, Oskar Lafontaine. Dessen Konservativität von Jugend an, von der Zeit im Erzbischöflichen Konvikt in Prüm, wird immer unterschätzt. Und immer wieder Eppler, der das Ganze auf den rechten und linken Nenner brachte – eine kurze Liste, die zeigt: Konservativismus lebt überall. Und wenn wir in uns hineinhorchen: in uns. Wenigstens in einem Winkel.

HAT SICH DAS KONSERVATIVE VERÄNDERT?

Wie gesagt: in der Wahrnehmung. Konservativ ist heutzutage ein Schimpfwort. Auf Strukturkonservativismus bezogen kann man das noch gelten lassen, also auf das, was bei manchen Linken bis heute zu beobachten ist: dass sie nach Breschnew- Art handeln, also auf strikter Einhaltung des einmal Vereinbarten beharren. Jeder Wandel wird da zum Aufbrechen von Beton. Das grundlegend Andere aber ist das Konservative des Sozialdemokraten (und früheren Christdemokraten) Gustav Heinemann, der auf dem Weg zur sozialliberalen Bundesregierung 1969 Bundespräsident wurde und half, mehr Demokratie zu wagen, Heinemann, der dem Wunsch nach einer zivilen Gesellschaft, einer Bürgergesellschaft, ein Gesicht gab. Oder das Konservative einer Rita Süssmuth, der früheren christdemokratischen Familienministerin, die in sozialer und demokratischer Weise dafür kämpfte, Aids- Kranken das gesellschaftliche Stigma zu nehmen, um die Spaltung eben der Gesellschaft zu verhindern, die Entsolidarisierung und Polarisierung. Oder der unverwüstliche Heiner Geißler, der ein Progressiver im Wirken war, als CDU-Generalsekretär, als er „Politik auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes“ verband mit der Unterstützung für moderne Umweltpolitik, mit praktischer Gleichstellungspolitik, aber getragen von der Philosophie der Erhaltung der Lebenschancen. „Rechts“ war er zeitweilig auch, doch das hat sich für ihn inzwischen überlebt. Mag er heute bei Attac sein und deren Ziele propagieren – geht es dieser Bewegung nicht um Bewahrung?

Schimpf nur heute einen konservativ, und schon hat er es, eine neue Art Stigma. Ein guter Beleg dafür ist, wie sich Angela Merkel dazu verhält, eine, die jede Kontamination mit politisch Septischem akribisch zu vermeiden versteht: Sie tut alles, um auch nur die Kopplung mit diesem Begriff zu vermeiden. „Moderat“ ist das Wort, das ihr gewiss viel lieber wäre.

Damit wird der Begriff frei. Zur freien Verwendung, gewissermaßen, und sogar zu einer Parteineugründung. Warum sollen sich immer nur auf der Linken Gruppierungen abspalten? Rechts der Mitte ist Platz, wird Platz gemacht. Dass unser Parteienspektrum im Vergleich zu Italien eher klein ist, ist nicht gottgegeben. Das kann sich ändern. Es sei denn, man wollte es im jetzigen Zustand bewahren.

UND HAT ES EINE ZUKUNFT?

Wenn wir es uns schwerer machen mit der Begrifflichkeit – dann ja. Nur sicher ist das nicht. Es muss, damit Lichtgestalten wirken können, auch den Beelzebub geben, ganz schlicht gedacht. Die Konservativen. Die sowieso rechts sind und falsch verstanden national denken und volkstümeln, in jeder Beziehung.

Nur, Hand aufs Herz: Wer will nicht mühselig errungenen Fortschritt sichern? Wer wünscht sich nicht, dass mit dem rechten Maß regiert wird und darum nicht vergessen wird, was die politische Kultur eines Landes mit demokratischer Tradition erfordert?

Wie konservativ heute zuweilen Sigmar Gabriel, der SPD-Vorsitzende, redet. Und wie fortschrittlich der CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. Politik auf der Höhe der Zeit, das ist der Anspruch. Veränderung beginnt mit dem An- und Aussprechen dessen, was ist; was die wahre Wirklichkeit ist. Wer also Tatsachen sieht, sie anerkennt, und eine Lösung für die möglicherweise nötige Neuerung sucht, dem fällt es leichter, wenn er einen Wertekanon hat; wenn er nicht an dem hängt, was gestern war, sondern aus dem lebt, was immer gilt. In der CDU sprachen sie früher, vor Merkel, der gelernten Physikerin, auch schon gern von einem Koordinatensystem. Abweichungen lassen sich in einem Koordinatensystem gut darstellen, verfolgen und kontrollieren. Damit, angelehnt an den irisch-britischen Staatsphilosophen Edmund Burke, einen der Väter des Konservativismus, im Grundsatz eine gute und bewährte Ordnung erhalten wird.

Ein Exkurs: In der Physik ist „konservativ“ eine Kraft, bei der die entlang eines Wegs verrichtete Arbeit nur vom Anfangs- und Endpunkt abhängt, nicht vom Weg. Da ist die Politik doch anders, wie sich aktuell auch wieder zeigt. Der Endpunkt ist oft nicht abzusehen, eher schon der Weg. Damit der beschritten wird, braucht es manchmal auch Führung.

Wer weiß, wo er herkommt, welchen Weg das Land hinter sich hat, der hat einen Kompass. Denn der Weg geht für jeden von uns jeden Tag ins Neue und Ungewisse.

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