Politik : Geistig-moralische Wende (Leitartikel)

Bernd Ulrich

Das Schlimmste ist die Angst vor dem Unbekannten. Sobald der Schrecken einen Namen erhält, wird es besser. Die CDU-Führung bringt ihre Angst immer häufiger auf einen Begriff: Spaltung. Der Begriff ist falsch.

Der CDU droht keine Spaltung. In was auch? Soll sich die Partei in einen katholischen und einen evangelischen Flügel aufteilen, nur weil Helmut Kohl Katholik ist und Wolfgang Schäuble Protestant? Soll sich der linke Arbeitnehmer- vom rechten Arbeitgeberflügel trennen? Soll es eine Ost- und eine West-CDU geben?

In was, um Himmels willen, sollte sich die CDU sonst aufteilen, in Kohlianer und Aufklärer? Auf solche halbpolitischen Anwandlungen gründet man keine Parteien. Nein, mit dem Wort "Spaltung" hat die CDU-Führung ihre Angst ins Extreme verzerrt - aber nicht benannt. Wie wäre es stattdessen mit dem Wort: Kohl. Die Partei-Spitze hat in einer Woche sich überschlagender Ereignisse ihren ehemaligen Vorsitzenden symbolisch vertrieben und merkt nun: Der ist ja immer noch da. Und hält Reden. Kohl droht damit, die Basis gegen die Spitze aufzubringen. Damit trifft er ihren wundesten Punkt: die Angst vor der Basis.

Und die ist durchaus begründet. Das Tempo des CDU-Skandals überfordert selbst die Beteiligten, die in Berlin von einer Krisensitzung zur nächsten wanken, zwischendurch mit Journalisten sprechen und ihrerseits tagsüber Nachrichten verbreiten, die sie frühestens in der Nacht verstehen. In diesen Januarwochen ist das politische Berlin erstmals so abgehoben vom Rest der Republik, wie man es nicht mal von Bonn kannte.

In das Gefühl von Stress, Lagerkoller und einer Art Euphorie des richtigen Weges hinein kamen die Bilder von Kohl, der "draußen im Lande" mit den Menschen spricht. Das hat die CDU-Führung verunsichert. Darum hat sie sich eine Charmeoffensive an der Basis verordnet und weitere Schritte gegen Helmut Kohl ausgesetzt. Ein kluge Taktik? Oder schon die Angst vor der eigenen Courage?

Was geschah in Bremen beim Zusammentreffen von Kohl und Basis, warum haben so viele so laut gejubelt? Es war ein Protest gegen das Unausweichliche: die abrupte Modernisierung des Parteigefühls, ein spürbares Abkühlen des christdemokratischen Wohnzimmers. Kohl verkörpert, auch und gerade in seiner illegalen Dimension, eine Partei, die Freunde kennt - gern auch solche, mit denen man Pferde stehlen oder auf allerlei andere Weise gegen das Gesetz verstoßen kann. Er verkörpert eine Partei, die Feinde kennt: die "linke Kampfpresse", das "rot-grüne Chaos". Und die mit solchen Parolen sogar erfolgreich sein kann. Die Leute, die da jubeln, ahnen bereits, dass diese Zeiten vorbei sind. Zum Abschied feiern sie. Zum Abschied von der guten, alten CDU.

Helmut Kohl ist zu lange drangeblieben, an der Spitze der CDU und des Staates. Dadurch wurde eine veraltete Führungsmethode konserviert, und zwar in beiden Volksparteien. In der SPD stand Oskar Lafontaine für überholte ideologische Nestwärme. In der Union stand Kohl für eine überholte Männer-, Kampf- und Spendenkultur. Das hat mit einem Mangel an demokratischem Bewusstsein wenig zu tun. Deutschland hat schlicht durch Kohl einige Jahre verloren, auch im Führungsstil und der Parteikultur. Jetzt läuft ein Crashkurs, der weh tut.

Die Parteien werden es überleben, die Mitglieder werden ihre Sinnerwartungen, ihr Wärmebedürfnis verringern und weiter Politik machen. An die Stelle von Wärme und Ideologie treten mehr und mehr Rechtlichkeit, Sachlichkeit und geistige Klarheit. Die CDU-Führung hat sich von der Basis entfernt. Aber nicht nach oben, sondern nach vorn.

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