Gelbes Meer : Feuergefecht zwischen Süd- und Nordkorea

Kriegsschiffe aus Nord- und Südkorea haben sich am Dienstag erstmals seit sieben Jahren ein Feuergefecht auf hoher See geliefert. Das nordkoreanische Schiff geriet in Brand.  Ist das eine inszenierte Eskalation?

Daniel Kestenholz[Bangkok]

Das zweiminütige Scharmützel im Gelben Meer vor der koreanischen Westküste ereignete sich, nachdem ein nordkoreanisches Patrouillenschiff 1,3 Kilometer in südkoreanisches Hoheitsgebiet eindrang und Warnschüsse ignorierte, wie von den Vereinigten Generalstabschefs in Seoul verlautete. Nordkorea habe daraufhin die südkoreanische Marine beschossen, diese musste sich in „Notwehr“ verteidigen. Das nordkoreanische Schiff ergriff nach Berichten „in Flammen“ die Flucht.

Seoul sprach von einem „bedauerlichen“ Zwischenfall. Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhab zitierte eigene Militärkreise, wonach das feindliche Schiff schwer beschädigt wurde: „Auf unserer Seite gab es keine Opfer, während das halb zerstörte nordkoreanische Schiff zurück nach Norden fuhr“, hieß es. Südkoreas Schiff hatte 15 Einschusslöcher.

Von nordkoreanischer Seite lagen zunächst keine Angaben vor, was sich am Dienstag auf hoher See abgespielt hatte. Nordkoreas amtliche Nachrichtenagentur KCNA meldete lediglich, das eigene Schiff sei auf einer „Routinepatrouille“ angegriffen worden. Südkorea wurde seinerseits der Grenzverletzung beschuldigt. Das nordkoreanische Militär verlange eine Entschuldigung.

Grenzverletzungen entlang der umstrittenen innerkoreanischen Seegrenze Northern Limit Line (NLL) sind keine Seltenheit, doch selten ist, dass ein nordkoreanisches Kriegsschiff bewusst die Konfrontation sucht, und dies ausgerechnet wenige Tage vor der Asienreise von US-Präsident Barack Obama, die ihn auch nach Südkorea führen wird. Dabei hat Obama im Vorfeld der Reise erstmals klare Signale gegeben, den Kontakt mit Pjöngjang zu suchen.

Aus Washington verlautete am Montag, dass Obama als Teil von später geplanten Nukleargesprächen seinen Nordkorea-Sondergesandten Stephen Bosworth nach Pjöngjang senden werde. Ein genauer Termin wurde nicht bekannt. Bosworth soll das kommunistische Regime zurück an den Verhandlungstisch für nukleare Abrüstungsgespräche bringen. Doch die Nordkoreaner zögern, sie dürften die Eskalation auf hoher See daher bewusst inszeniert haben: „Nordkorea inszeniert gerne solche Zwischenfälle, um sich drücken zu können“, sagte Phil Deans, Politologe an Tokios Temple-Universität, der Nachrichtenagentur Bloomberg. Denn die Nordkoreaner bestehen auf Direktgesprächen mit den Amerikanern. Washington dagegen will im Rahmen der Pekinger Sechserrunde verhandeln, die von den Nordkoreanern seit Monaten boykottiert wird.

Mit der offensichtlich inszenierten Eskalation haben die Nordkoreaner termingerecht vor Obamas Ankunft einen „Sündenbock“ gefunden, um Gespräche absagen zu können, sollten diese nicht genau nach den Forderungen Pjöngjangs ablaufen. Der Zwischenfall ereignete sich am Dienstagvormittag nahe der Insel Daechong. Die letzten Schusswechsel in diesem für Grenzverletzungen bekannten Gebiet liegen sieben respektive elf Jahre zurück. Bei einem Seegefecht 2002 starben sechs südkoreanische Soldaten.

Die umstrittene maritime Demarkationslinie NLL war zum Ende des Koreakrieges 1953 von UN-Streitkräften gezogen worden, sie wurde von den Nordkoreanern aber nie anerkannt. Die Grenze verläuft durch fisch- und krabbenreiche Gewässer. Nach Auffassung des Regimes in Pjöngjang müsste sie weiter südlich gezogen werden. Zwischen den beiden koreanischen Staaten herrscht seit 1953 eine Waffenruhe. Ein Friedensabkommen wurde nie unterzeichnet.

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