Politik : Geld statt Liebe

Von Gerd Nowakowski

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Eine Stadt will geliebt werden. Deswegen scheint uns jeder nach Berlin kommende Reisende wie ein kleiner Liebesbeweis, und Zuneigung erwarten wir auch von Unternehmen. Die sollen auf Berlin stehen, weil wir nun mal die Hauptstadt sind. Deshalb konnte ein Mann wie Edzard Reuter, der Sohn des legendären Berliner Bürgermeisters Ernst Reuter, diese Stadt so begeistern. Als der Potsdamer Platz noch eine schlammige Wüstenei war, wo sich polnische Trödelhändler trafen und die Grünen im Schatten der noch existierenden Mauer am liebsten ein Frosch-Biotop angelegt hätten, hatte Reuter die Vision eines neuen Zentrums in einer ungeteilten Stadt.

Das war ein Engagement jenseits aller Buchhalterei; bei Daimler brauchte es für die Entscheidung das ganze Gewicht des damaligen Vorstandschefs. Auch in Berlin war durchaus Häme zu hören: Falsch sei es, das riesige Grundstück so preiswert einem einzigen Unternehmen zu verkaufen, das Quartier werde sich zudem bald als öde Kommerzbrache erweisen. Heute ist der Potsdamer Platz ein großer Erfolg – mit Musical-Theater, Filmfestspielen und Shoppen. Wer hätte das gedacht? Ohne Edzard Reuter gäbe es diesen glänzenden Stern in der Mitte der Stadt nicht. Und nun will Daimler-Chrysler diesen, seinen Platz verkaufen, an internationale Fondsgesellschaften weiterreichen? Das schmerzt nicht nur eine Stadt, die geliebt werden möchte.

Visionäre haben in der Wirtschaft derzeit keine Konjunktur. Auch Edzard Reuter fiel mit seinen weltumspannenden Träumen krachend auf die Nase; Reuters derzeitiger Nachfolger Dieter Zetsche ist aus ganz anderem Holz. Doch zwischen den kühlen Ertragszahlen und dem, was Menschen von Konzernen an gesellschaftlicher Verantwortung erwarten, gibt es in Deutschland immer noch eine gefühlte Distanz. Im wirtschaftlich klammen Berlin erst recht, wo es um jeden Arbeitsplatz geht – wo derzeit um die Konzernzentrale von Schering gebangt wird und mancher Politiker dem neuen Großflughafen in Schönefeld nahezu wunderkräftige Wirkung zuschreibt.

Der Potsdamer Platz war und ist eben ein Symbol, eine Verheißung. Daher rührt die Angst. Dabei kann derzeit noch niemand abschätzen, was ein Verkauf dieses Quartiers wirklich bedeutet. Stört es die Berliner wirklich, wenn statt des grünen Debis-Würfels bald das Logo des Blackstone-Fonds hoch über dem Platz prangt? Und Daimler-Chrysler will doch auch weiterhin in Berlin bleiben und keine Arbeitsplätze abbauen, heißt es.

Eines ist deshalb sicher: Die Mitarbeiter in der Konzernzentrale in Möhringen wird es vermutlich härter als die in Berlin treffen, wenn das Unternehmen alle nicht für das Kerngeschäft nötigen Bereiche abstoßen will. Aber der Berliner mit seinem fragilen Seelenzustand meint bereits den Phantomschmerz des Liebesentzugs zu spüren. Doch die Bindung von Unternehmen an eine Stadt ist eine flüchtige Sache. Deshalb rangieren bei der Deutschen Bank die künftigen Gewinne durch eine Grundstücksverwertung vor der Zukunft für die Boulevardbühnen am Berliner Kurfürstendamm, deswegen wollte die Deutsche Bahn ihre Zentrale einfach mal ruck-zuck nach Hamburg verlegen, als sich dort bessere Geschäfte abzeichneten.

Es gibt eben keine Berlin-Zulage mehr – auch nicht für eine Hauptstadt. Daran müssen sich die Berliner wohl immer noch gewöhnen. Daher rührt der Schock. Eine Stadt will geliebt werden. In Unternehmensberichten aber gibt es dafür keine entsprechende Rubrik.

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