Politik : Geldnot treibt Indiens Bauern in den Tod

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Neu-Delhi - Niemand in der Familie dachte an Selbstmord, als Pramod Khandale von zu Hause aufbrach. Noch in den Vortagen hatte der junge Bauer viel von der Zukunft gesprochen. Er wolle die Baumwolle säen, sich eine Frau nehmen, erzählte er. Er wusste wohl schon, dass es Träume bleiben sollten. Weil er seine Schulden bei einem Wucherer nicht zahlen konnte, erhängte er sich an einem Baum. Erst vier Tage später fand man seinen verwesenden Leichnam.

Fast täglich berichten die Medien in Indien derzeit über ähnliche Fälle. Nach einem bisher schwachen Monsun erleben viele Regionen eine neue Selbstmordwelle unter Bauern. Ausgerechnet in Maharashtra, einem der reichsten Bundesstaaten Indiens, ist die Krise am schlimmsten. Allein dort nahmen sich in diesem Jahr nach offiziellen Zahlen bereits 745 Bauern das Leben. Die meisten pflanzten wie Khandale Baumwolle an und waren bei Geldverleihern hochverschuldet.

Regierungschef Manmohan Singh reiste am Freitag zu einem zweitägigen Besuch in die Region Vidarbha, die Indiens Zeitungen bereits als „Selbstmord-Gürtel“ titulieren. Dort will er ein Hilfspaket vorstellen, das die schlimmste Not lindern und die Todeswelle eindämmen soll. Das Geld soll vor allem den 32 am schwersten betroffenen Distrikten in den vier Bundesstaaten Maharashtra, Kerala, Karnataka and Andhra Pradesh zugute kommen. „Jedes Jahr begehen allein in diesen 32 Distrikten um die 16 000 Bauern Selbstmord“, sagte Agrarminister Sharad Pawar.

Selbstmorde verzweifelter Bauern sind nichts Neues in Indien, aber Bauernverbände sagen, die Zahlen stiegen. Der Subkontinent mag mit Wachstumsraten von acht Prozent glänzen, doch vom Wirtschaftswunder profitieren vor allem die Städte. Am Land geht der Aufschwung vorbei. Zwar hängen über 60 Prozent der Inder weiter von der Landwirtschaft ab, doch der Agrarsektor trägt nur noch 20 Prozent zur Wirtschaftskraft bei. Nach Studien wird es für die Bauern immer schwerer, noch die laufenden Kosten zu decken. Viele stehen inzwischen im Wettbewerb mit den Landwirten der westlichen Länder, die von ihren Regierungen massiv subventioniert werden und die ihre Waren deshalb billiger anbieten können. Christine Möllhoff

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