Politik : Geldverschwendung oder Schutz der Bürger?

Experten streiten über hohe Kosten für Maßnahmen gegen Biowaffen

Ingo Bach

Ist es gerechtfertigt, angesichts der dramatischen Finanzlage im deutschen Gesundheitswesen hunderte Millionen Euro in die Vorsorge gegen den Bioterrorismus zu stecken? Diese Frage wird unter Experten heiß diskutiert, auch auf dem derzeit in Berlin stattfindenden Infektologenkongress. Allein die Beschaffung des Impfstoffes, mit dem die gesamte Bevölkerung im Falle eines Angriffs gegen Pocken immunisiert werden soll, kostet 200 Millionen Euro. Hinzu kommen weitere Millionen, weil der Impfstoff tiefgekühlt werden muss, unter Bewachung steht und die Mediziner im Umgang mit den Pocken geschult werden müssen.

Insgesamt gebe Deutschland für die Vorbereitung auf einen Anschlag mit Pockenviren eine halbe Milliarde Euro aus, schätzt der Mainzer Epidemiologe Sucharit Bhakdi. Das sei reine Geldverschwendung, denn ein solcher Großangriff sei sehr unwahrscheinlich. Dieses Geld fehle dem deutschen Gesundheitswesen, wo zum Beispiel immer weniger über die einfachsten Infektionskrankheiten geforscht werde und die Ärzte zunehmend die Qualifizierung verlören, solche Erkrankungen überhaupt zu erkennen.

Auch Reinhard Kurth, Präsident des Berliner Robert-Koch-Institutes (RKI), in dem alle Fäden zur Vorbereitung auf einen Biowaffenangriff zusammenlaufen, hält die Gefahr eines Anschlages mit Pockenviren für ein „geringes Restrisiko“. „Wir hoffen alle, dass die Vorbereitung darauf die teuerste Fehlinvestition in der deutschen Geschichte sein wird“, sagt er. Trotzdem sei die Vorsorge notwendig, denn niemand könne diese Gefahr ganz ausschließen. Bis September sollen 100 Millionen Impfdosen gegen Pocken zur Verfügung stehen, derzeit sind es 50 Millionen Dosen. Das RKI hat bereits spezielle Alarmpläne vorbereitet für die zwölf gebräuchlichsten Biowaffen wie Milzbrand, Pocken oder das Bakteriengift Botulinum. Dafür hat das RKI in Folge des 11. September 2001 jährlich zwei Millionen Euro mehr zur Verfügung. Da ein Anschlag mit Pocken - trotz des insgesamt geringen Risikos dabei immer noch für am wahrscheinlichsten gehalten wird, liegt hier der Schwerpunkt der Vorsorge. Denn es gibt keine Medikamente, da die Krankheit als ausgerottet gilt. Nur Impfen schützt.

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