Politik : Geliebter Ex-Feind (Gastkommentar)

Jacob Heilbrunn

Und wieder ein Triumphzug. Joschka Fischer, der Grüne und Ex-Demonstrant gegen US-Raketen, erntete abermals Applaus bei seiner jüngsten Amerika-Reise. Kein Außenminister-Kollege ist beliebter bei Madeleine Albright. Im "Foggy Bottom", wie man das State Department in Washington D.C. auch nennt, wird Fischer als vernünftiger, gemäßigter Staatsmann betrachtet.

Der wahre Grund ist: Als Fischer an die Macht kam, sah man in ihm einen potenziellen Mephistopheles, umhaucht von Nebel und Schwefel - einen Anti-Amerikaner, der nichts von Machtpolitik versteht und die Nato zerstören möchte. Kurz nach Amtsantritt hatte Fischer diese Befürchtungen noch gestärkt, als er forderte, die Nato müsse die Option auf den atomaren Erstschlag aufgeben. Deshalb sahen viele Amerikaner beim Anblick des Grünen rot. Doch dann bewahrheitete sich das Sprichwort über Fehlstarts: Fischer could only go up. Der Außenminister bewies seine Qualitäten als Politiker. Wer vorher alles tut, um die Aussichten möglichst schwarz erscheinen zu lassen, kann fast sicher mit einem "unerwarteten" Meinungssaufschwung rechnen, wenn es nicht so schlimm kommt. Nun entrüstet Fischer die Pazifisten, weil er nicht mehr von der Abrüstung der Nato spricht.

Selbst beim Raketenabwehr-Programm (NMD) zeigt sich Fischer gelassen. NMD könnte leicht zu einer kostspieligen Maginot-Linie des 21. Jahrhunderts werden - das historische Vorbild versagte als Bollwerk gegen die tatsächlichen Gefahren. China und Russland sind trotzdem dagegen. Hinzu kommt die Sorge, dass die Distanz zwischen Amerika und Europa wächst. Und Fischer? Der reagiert gelassen. Hofft er, auch diese neue Version des Kriegs der Sterne werde sich als Geldverschwendung erweisen und nie gebaut? Das wäre eine ungewollte Art der Abrüstung, da dann weniger Geld für die echten Waffen bliebe. Oder hat Albright ein eigenes Abwehrsystem entwickelt, das sie vor jeder europäischen Kritik abschirmt?

Tagein, tagaus werden wir Amerikaner über unsere Arroganz belehrt - von arroganten Europäern. Die USA, heißt es, leiden unter Triumphalismus, seit es kein Gegengewicht in Form der Sowjetunion mehr gibt. Aber selbst der deutsche Außenminister, der für Europas neue Führungsmacht spricht, ist da kein Ersatz mehr. Er hat einfach zu viel abgenommen, denkt ständig an seine Gesundheit, isst und trinkt nicht mehr so viel und denkt vor allem an Applaus - typisch amerikanisch. Wie soll so einer europäische Interessen verteidigen? Letztendlich beweist das Beispiel Fischers, dass die USA gar keinen Schutzschild brauchen. Ihre Kultur macht ihre Gegner unschädlich.Der Autor ist Kolumnist des amerikanischen Internet-Journals "PoliticalWag".

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