Politik : Gemeinsam, aber noch nicht stark

BUSH UND SCHRÖDER

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Von Bernd Ulrich

Hat es jemals eine Zeit gegeben, in der sich die Zeiten so schnell änderten? Vor zwei Jahren, kurz nach dem 11. September, waren für eine kurze Weile alle Bewohner der westlichen Welt Amerikaner. Nie vorher war der Atlantik so schmal. Vor einem Jahr spitzte sich der Streit um einen IrakKrieg zu, der deutsche Kanzler war bedingungslos dagegen und der französische Präsident folgte, ja überholte ihn in seiner Ablehnung. Da war der Atlantik noch nie so breit. Und heute, wieder nur ein kurzes Jahr später, ist die Wiedervereinigung des Westens in vollem Gange.

Die furchtsamen Prognosen, der Bruch zwischen George W. Bush und Gerhard Schröder sei unheilbar, sind spätestens seit gestern überholt. Man traf sich, man mochte sich immer noch nicht, aber man macht wieder gemeinsam Politik. Wie konnte es geschehen, dass der Mann vom Mars und der Mann von der Venus plötzlich so einträchtig nebeneinander lächeln? Weil der Krieg die Welt verändert hat, nähern sich die Ziele der beiden wieder an. Deutschland hat dasselbe Interesse an der Stabilität des neuen Irak, an einer Lösung des Nahost-Konflikts, an einem atomwaffenfreien Iran wie die USA auch. Die neue Sicherheitsdoktrin der EU, die Hindukusch-Doktrin von Peter Struck und das Sicherheitskonzept von Condoleezza Rice unterscheiden sich nicht mehr grundsätzlich. Der Grund dafür ist einfach: Sie alle stellen eine politische Reaktion auf die Globalisierung und Privatisierung des Terrors dar.

Die Europäer haben aufgehört, diese Gefahr klein zu reden, und die Amerikaner wurden von der Realität blutig und kostspielig darüber belehrt, dass das letzte Mittel, der Krieg, eben tatsächlich nur ein letztes sein kann. Angesichts solcher Annäherungen wirken die verbliebenen Differenzen gering: Deutschland schickt keine Truppen in den Irak, hilft aber sonst eifrig mit. Die nächste UN-Resolution wird ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger Macht ein wenig schneller oder langsamer an die UN und den Irak übergeben. Na und?

Erleben wir also die Rückkehr zur Normalität? Nichts weniger als das. Denn stehen auch die westlichen Staaten wieder mehr beieinander, so sind sie doch nicht gemeinsam stark, sondern gemeinsam überfordert. Freiheit und Gerechtigkeit auf der ganzen Welt verbreiten zu wollen, ja zu müssen, weil Unfreiheit und Ungerechtigkeit mittels Terror und Verbreitung von Massenvernichtungswaffen den Westen bedrohen – das ist die Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Hier stehen die sich sanft gebenden Europäer ebenso wie die militärisch präpotenten Amerikaner, die chaotisch-bürokratischen UN wie die hagestolzen Franzosen erst am Anfang, ihre Bevölkerung erst recht. Im Grunde wollen die amerikanischen Bürger dasselbe wie die deutschen oder die französischen – den neuen, höheren Preis der Freiheit nicht zahlen.

Die Wahrheit über den Westen findet sich aber nicht allein in Bagdad, wo man um die Wasserversorgung und ein Stückchen Sicherheit ringt. Und auch nicht in New York, wo der Kanzler und der Präsident einander ihr schönstes Politikerlächeln zeigten. Die Wahrheit liegt in Cancun, wo der reiche Westen nicht bereit war, dem armen Süden eine faire Chance zu geben. Er kann nicht genug rüsten, um mit Härte für globale Sicherheit zu sorgen, und er will nicht genug teilen, um globale Gerechtigkeit zu ermöglichen. Man kann das beklagen und muss es kritisieren. Doch darf dabei nicht vergessen werden, dass es zwölf Jahre, vom Tag des Mauerfalls am 9.11.1989 bis zum 11.9.2001, gedauert hat, bis der Zusammenbruch der gewohnten Weltordnung uns überhaupt erst richtig bewusst geworden ist. Denn die Zeiten ändern sich schnell. Nur die Menschen nicht.

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