Politik : Gemeinsam fit

Die gesetzlichen Krankenkassen planen eine Stiftung zur Gesundheitsförderung – und machen damit der Ministerin Dampf

Rainer Woratschka

Die einen wollen regelmäßige Arztbesuche belohnen, die anderen die Mitgliedschaft im Sportverein – kaum eine Krankenkasse, die derzeit nicht an Bonusmodellen tüftelt, um Kosten zu sparen und im Wettbewerb besser dazustehen. „Spielwiesen“ nennt das der Vorstandschef der Innungskrankenkassen (IKK), Rolf Stuppardt, selbstkritisch. Man laufe Gefahr, darüber die wichtige Frage zu vernachlässigen, wie die Prävention gesamtgesellschaftlich voranzubringen ist.

Entsprechend stolz ist der IKK-Chef nun auf eine kassenübergreifende Offensive, „die uns keiner zugetraut hätte“. Am Montag einigten sich die Spitzenverbände auf die Gründung einer gemeinsamen Stiftung „Prävention und Gesundheitsförderung“. Mit mindestens 25 Millionen Euro pro Jahr wollen sie fortan eine „Präventionskultur“ fördern, die es – anders als in Kanada oder Skandinavien – hierzulande nicht gibt. „Wir müssen mit dem Thema in die Schulen, in die Familien, in Problemstadtteile“, sagt Stuppardt. Sonst erreiche man nur eine Mittelschicht, die sich ohnehin schon gesundheitsbewusst verhalte.

Die Kassen treibt eine statistische Erkenntnis um: 20 Prozent der Versicherten sind für 91 Prozent der Kassenausgaben verantwortlich. Einer Studie der Gmünder Ersatzkasse zufolge fließt dieses Geld in „zum großen Teil vermeidbare Volkskrankheiten und ihre Folgeschäden“. Auch der IKK-Chef zählt auf: Die Zahl dicker Kinder hat sich in 15 Jahren verdoppelt, zu 90 Prozent wegen falscher Ernährung und Bewegungsmangel. Jeder zweite Jugendliche unter 16 greift bereits zur Zigarette. Und vorm Fernseher sitzt der Durchschnittsdeutsche drei Stunden am Tag.

Natürlich, so der IKK–Chef, sei eine Änderung der Lebensgewohnheiten nur mit langem Atem zu schaffen. Aber man müsse „endlich mal anfangen damit“. Auf US-Schulhöfen etwa seien Raucher sozial geächtet – „weil die jahrelang dran gearbeitet haben“. Nach Verkehrserziehung und Informatik müsse sich an deutschen Schulen eben auch das Fach Gesundheitsförderung etablieren.

Beim Präventionsforum des Ministeriums, das vor einem Jahr installiert wurde, gehe jedoch nichts voran, sagt Stuppardt. Und der Empfehlung, pro Kassenmitglied und Jahr 2,66 Euro für Prävention auszugeben, seien die Krankenkassen bisher nicht annähernd nachgekommen – Innungs- und Ortskrankenkassen investierten 1,90 Euro, die Betriebskrankenkassen 87 Cent pro Versicherten.

Wie sich die Kassen die Kosten ihrer Offensive aufteilen, ist noch nicht raus. Einig sind sie sich laut Stuppardt, dass man im ersten Quartal 2004 starten, „ohne bürokratischen Wasserkopf“ auskommen und sich auch mithilfe der Wirtschaft finanzieren will. Auch wolle man Einfluss auf das Präventionsgesetz nehmen, das der Bundestag bis September 2004 eingefordert hat. „Wir hoffen und werden darauf drängen, dass es kein Gesetzlein wird“, sagt der IKK-Chef. Was heißen soll: Es muss übers Sozialversicherungssystem hinaus greifen. Und nicht nur Sache der Gesundheitsministerin, sondern auch des Wirtschafts-, Umwelt- und Bildungsressorts sein.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben