Politik : Gemeinsam kämpfen – bis zur Wahl

Thomas Roser[Kiew]

Als das Ziel, in den Präsidentenpalast einziehen zu können, zum ersten Mal in greifbare Nähe gerückt war, konnte der sonst so beherrscht auftretende Volkstribun Tränen der Rührung nicht unterdrücken. „Ihr seid die Helden“, dankte der ukrainische Oppositionsführer Viktor Juschtschenko in der Nacht zum Donnerstag Zehntausenden von Anhängern auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz. Sie hatten mit ihrer Dauerdemonstration die Wiederholung der Stichwahl vom 21. November erzwungen. Die Nationalhymne sang er gemeinsam mit seiner Mitstreiterin, die seine Partei noch wenige Stunden zuvor des „Verrats“ an den Anliegen der Demonstranten bezichtigt hatte: Hand in Hand mit Julia Timoschenko stellte sich Juschtschenko dem jubelnden Publikum.

Vor der Wiederholung der Stichwahl am 26. Dezember hat die Opposition die zeitweilig uneinigen Reihen wieder fest geschlossen. Timoschenko, die am Mittwochvormittag noch eine Klage gegen den von Juschtschenko mit den Regierungsparteien erzielten Verfassungskompromiss angekündigt hatte, rief abends zum Ende der Blockaden der Regierungsgebäude auf: Die Demonstranten sollten „nach Hause“ gehen – und in ihren Heimatregionen für Juschtschenkos Sieg kämpfen.

Während die Kiewer die Barrikaden abbauen, regt sich aber auch Kritik an dem mit Präsident Leonid Kutschma erzielten Kompromiss. Es wird spekuliert, dass die Opposition Kutschma für sein Entgegenkommen zugesagt habe, sein auf zwei Milliarden Dollar geschätztes Auslandsvermögen nicht anzutasten, und im Fall des ermordeten Journalisten Georgij Gongadze von Ermittlungen gegen ihn abzusehen. Die Chance auf echte Demokratisierung sei vertan worden, sagt der Politologe Wolodimir Polochalo vom Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen.

Unterdessen legten die Nato-Staaten und Russland ihren Streit über die Ukraine bei: In einer gemeinsamen Erklärung riefen Moskau und das Militärbündnis am Donnerstag zu einer fairen Wiederholung der Stichwahl auf. Russlands Außenminister Sergej Lawrow wiederholte aber Vorwürfe an westliche Politiker, sie hätten die Ukraine aus dem russischen Einflussgebiet ziehen wollen.

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