Politik : Gemischte Gefühle - Wie die CSU zwischen Kritik und Festhalten an Schäuble schlingert

Robert Birnbaum

"Das versteht kein Mensch." Peter Ramsauer zuckt ein bisschen hilflos mit den Schultern. Zwei Seelen wohnen erkennbar in der Brust des Parlamentarischen Geschäftsführers der CSU-Landesgruppe im Bundestag. "So wie Schäuble das dargestellt hat, ist das völlig korrekt", sagt Ramsauer. Spenden seien erstens dringend notwendig für die Parteien und zweitens nichts Verwerfliches - "bar oder unbar, völlig schnurz". Die CSU stehe voll hinter CDU-Chef Wolfgang Schäuble, was auch sein Landesgruppenchef Michael Glos am gleichen Tag so der CSU-Landtagsfraktion in ihrer Klausur im Wildbad Kreuth ausgerichtet hat. Einerseits.

Andererseits: Dass Schäuble sein Wissen erst nach Wochen preisgegeben hat, dass er im Bundestag die Schreiber-Spende verschwiegen hat - "das wirft natürlich Fragen auf". Am nächsten Dienstag trifft sich die CDU/CSU-Fraktion zur ersten Sitzung nach den Weihnachtsferien in Berlin. Da werde Schäuble, der Fraktionschef, Antworten geben müssen: "Die Fragen quälen uns alle", sagt Ramsauer.

Den Christsozialen aus Bayern geht die Spendenaffäre der großen Schwester allmählich mächtig auf die Nerven. Die allererste CSU-Garnitur übt sich in Zurückhaltung und Solidaritätsadressen. Die zweite Reihe aber lässt Unmut durchblicken. "Ich wünschte mir schon, dass wir möglichst bald am Ende mit den ewigen neuen Katastrophenmeldungen sind", gibt CSU-Generalsekretär Thomas Goppel zu Protokoll. Und was Schäuble angeht: "Das Glaubwürdigkeitsproblem ist groß, weil das sich ein normaler Mensch nicht vorstellen kann, dass man bei einer solchen Größenordnung von Spende jemanden auch nach fünf Jahren schon vergessen hat. Ich tue mich damit auch schwer."

Nun ist es keineswegs so, dass die CSU daran interessiert wäre, den CDU-Chef Schäuble aus seinen Ämtern zu drängen. "Uns als CSU muss an einer stabilen CDU liegen", sagt im Gegenteil Ramsauer. Denn ihm schwant, was passieren würde, wenn sich bei der großen Schwester "Zentrifugalkräfte entfalten" würden: Dann hätte die gesamte Union ziemlich schwierige Personalfragen am Hals und eine Debatte über den Kanzlerkandidaten obendrein. Dass einige Christdemokraten wie der Hamburger Landeschef Ole von Beust schon CSU-Chef Edmund Stoiber als einzig plausiblen Bewerber aufs Schild heben, nachdem Schäuble schwer angeschlagen ist, löst in München sehr gemischte Gefühle aus. Geschmeichelt sind die Christsozialen schon. Aber es kommt ein bisschen früh; und von Beust gilt auch nicht gerade als glühender Stoiber-Fan. Sein Ruf nach dem Mann aus dem Süden wird dort eher als indirekte Attacke auf Schäuble verstanden.

Gegen Schäuble in Stellung bringen lassen möchte sich die CSU aber nicht. Manchem Christsozialen schwant, dass eine neue Kreuth-Debatte die Folge wäre: "Wir brauchten da gar nichts zu tun. Das käme ganz von selbst auf uns zu", sagt einer. Denn wenn Schäuble weg wäre, wenn die CDU ohne anerkannte Führungsfigur zu zerbröseln drohte, dann wäre eine Diskussion über eine bundesweite Ausdehnung der Bayern-Partei geradezu zwangsläufig. Daher das Interesse an der stabilen CDU und daran, dass Schäuble an der Spitze bleibt: "Außer Schäuble sehe ich da keine Lösung", sagt ein führender CSU-Mann.

Allzu eng an den angeschlagenen CDU-Chef fesseln aber mag sich die CSU erkennbar auch nicht mehr. Nach Schäubles Eingeständnis fragen sich Bayern-Christen bang, was noch kommen mag. Die Andeutungen des Schäuble-Spenders Karlheinz Schreiber aus dem fernen Kanada, er habe noch mehr in petto, mag mancher CSUler nicht einfach als leere Drohung abtun. Mit dem Augsburger Waffenhändler haben sie in der CSU so ihre Erfahrung.

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