Politik : Gemunkel und Spekulationen

Wer Spiegel als Präsident des Zentralrats der Juden nachfolgt, ist unklar – Korn hat jedenfalls gute Chancen

Claudia Keller

Berlin - Nicht nur in politischen Parteien oder im Vatikan gilt die Regel: Je mehr sich ein Kandidat nach einem hohen Amtes drängt, umso geringer sind seine Erfolgsaussichten. Auch im Zentralrat der Juden in Deutschland ist das nicht viel anders. Wer wirklich Chancen haben möchte, den vor drei Wochen verstorbenen Paul Spiegel als Präsident des Zentralrats zu beerben, sollte sich möglichst bedeckt halten. Offiziell will sich deshalb im Moment niemand äußern. Außerdem verbietet es die jüdische Tradition, während des Trauermonats eines Verstorbenen über dessen Nachfolge zu spekulieren. Gemunkelt wird gleichwohl viel.

Das Präsidium des Zentralrats entscheidet bei seiner nächsten Sitzung am 7. Juni, wann gewählt wird. Und wahrscheinlich wird noch am gleichen Tag der Nachfolger aus den Reihen des Präsidiums gewählt. Die Aufgaben der nächsten Monate seien wegen der Zunahme von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit und der notwendige Integration in den jüdischen Gemeinden zu gewaltig, als dass man ein Vakuum an der Spitze riskieren könne, heißt es im Zentralrat.

Der aussichtsreichste Kandidat für die Nachfolge Paul Spiegels ist wohl Salomon Korn, der 62-jährige Vorsitzende der Frankfurter Gemeinde. Er ist bisher im Präsidium des Zentralrats für die Gedenkstätten zuständig und war einer der beiden Stellvertreter von Paul Spiegel. Korn ist ein brillanter Redner und gilt als intellektueller Kopf. Viele hätten ihn schon gerne 1999 als Nachfolger von Ignatz Bubis gesehen und trauen ihm die Aufgabe des Präsidenten auch deshalb zu, weil die Frankfurter Gemeinde die Integration der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion mit am besten bewältigt hat. Die jüdische Gemeinschaft vor der Aufspaltung in Alteingesessene und Zuwanderer zu bewahren, ist eine der großen Aufgaben, die auf den neuen Vorsitzenden warten.

Salomon Korn hat allerdings immer wieder klargestellt, dass er sich um das wohl anstrengendste Ehrenamt der Republik nicht reißt. Das sei keine Koketterie, sagen die, die ihn kennen. Ihm sei die Vorstellung, künftig nur noch mit Leibwächtern auf die Straße zu können, tatsächlich ein Grauen. Andererseits lebt der Vorsitzende der Frankfurter Gemeinde auch jetzt schon mit Panzerglas und Sicherheitsstufe 3.

Wenn Korn nicht bereit ist, könnte Dieter Graumann zum Zuge kommen. Der 55-Jährige ist der zweite Mann in der Frankfurter Gemeinde und hat sich in den vergangenen Jahren als Experte für Schwieriges bewährt. Er hat die Finanzen des Zentralrats saniert und mit der Bundesregierung die neuen Vereinbarungen über die Beschränkung der Zuwanderung aus Osteuropa und Russland ausgehandelt. Wenn man ihn bittet, sei er durchaus bereit anzutreten, heißt es.

Dass die Wahl auf Charlotte Knobloch fällt, ist eher unwahrscheinlich. Gegen die 73-jährige Vorsitzende der Münchner Gemeinde spricht ihr Alter. Die Mehrheit im achtköpfigen Zentralratspräsidium sei für einen Generationswechsel. Dass ihr Name und ihr Wille, das Amt zu übernehmen, frühzeitig lanciert wurden, habe ihr auch geschadet.

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