Politik : Gen-Symposium der Grünen: Forschung an Stammzellen verbieten

Martin Gehlen

Fast jede Woche überraschen die Forscher bei der Gentechnik mit neuen Erkenntnissen. Atemberaubend schnell läuft die Entwicklung - gerade zwei Jahre ist es beispielsweise her, dass die Stammzellforschung so richtig an Fahrt gewonnen hat. Die Gesellschaft stellt dies vor völlig neue Probleme. Denn medizinischer Fortschritt ist nicht neutral. Er muss von Öffentlichkeit und Politik aufgegriffen und mitgestaltet werden. Wichtig sei darum eine breite Debatte darüber, wohin man wolle und ob angesichts der rasanten Entwicklung neue Grenzen des Erlaubten gezogen werden müssten, forderte Wolfgang Bender, Ethiker an der Technischen Universität Darmstadt auf einem Experten-Symposium der grünen Bundestagsfraktion zusammen mit der Evangelischen Akademie Landau zum Thema "Optionen einer Medizin der Zukunft". Aber auch die vertrauten Rollen von Mann, Frau und Kind verändern sich durch die Reproduktionsmedizin fundamental, ergänzte die grüne Staatssekretärin Christa Nickels: "Die Frau als Objekt, der Mann als Statist und das Kind im extremsten Fall als qualitätsgesichertes Produkt."

Beide Felder, Gentechnik und Fortpflanzungsmedizin, überschneiden sich mittlerweile bei diesen jüngsten Zweigen des Gen-Booms, der Forschung mit embryonalen Stammzellen und der Präimplantations-Diagnostik (PID). Bei einer Präimplantations-Diagnose, die in Deutschland bislang verboten ist, untersuchen Ärzte eine sehr frühe Teilungszelle der befruchteten Eizelle vor der Implantation in die Gebärmutter auf genetische Schäden. Ist die Eizelle gesund, wird sie eingepflanzt. Ist sie krank, wird sie vernichtet. Ursprünglich war dieser neue Test nur für Paare gedacht, die ein hohes Risiko haben, ein genetisch geschädigtes Kind zu bekommen. Nun jedoch entwickelt sich der Test zu einer Routineprozedur für Paare jenseits einer bestimmten Altersschwelle, um beispielsweise Chromosomen-Schäden wie das Down-Syndrom auszuschließen.

Für die Hamburger Politologin Ingrid Schneider fördert dieser medizinische Fortschritt eine eugenische Selektion. Neue soziale Normen und Zwänge seien die Folge. So könnten Risiko-Eltern unter Druck kommen, sich testen zu lassen, obwohl sie dies aus eigenem Antrieb nicht täten. Behinderte könnten sich stigmatisiert fühlen und in ihrem Existenzrecht infrage gestellt sehen - sozusagen als Betriebsunfälle der modernen Gentechnik-Welt. "Fürsorge durch Eliminierung", heiße die brutale Formel, kritisierte Schneider und plädierte dafür, die Präimplantations-Diagnostik in Deutschland nicht zuzulassen. "Damit wird eine schiefe Bahn beschritten, auf der es kaum noch ein Halten gibt", argumentierte die Politologin. Nicht nur setze ein solcher Schritt die Hürden für wissenschaftliche Manipulationen an Embryonen nach unten. Auch ermögliche sie die "bewusste Auswahl nach Geschlecht und anderen Kriterien".

Letztlich bedeute diese Technik, ein "Recht auf ein gesundes Kind" auszurufen, erläuterte die Tübinger Ethikerin Hille Haker. Das Kind werde nicht mehr "bedingungslos" angenommen wie ein Geschenk, sondern zunehmend als Produkt betrachtet mit Qualitätsgarantie - eine gefährliche Illusion. Denn entgegen der öffentlichen Wahrnehmung gehen nur etwa zwei bis drei Prozent aller Behinderungen auf vor der Geburt erkennbare genetische Schäden zurück. Die meisten Behinderungen entstehen bei der Geburt oder gehen auf Erbgutschäden zurück, die sich durch Tests während der Schwangerschaft nicht erkennen lassen. "Behinderungen wird es immer geben", so das Fazit. Demgegenüber erzeugen die neuen Erbtests in den Augen von Christa Nickels einen subtilen Zwang zum Glücklichsein. "Leid wird angesehen als verhinderbar, vermeidbar und letztlich asozial." Und die Träger von Leid kommen in den Geruch, ein gemeinschaftsschädliches Verhalten an den Tag zu legen und die anderen in ihrem Lebensgenuss zu stören.

Ähnlich skeptisch war unter den Teilnehmern die Beurteilung der Stammzellforschung. Diese "Nutzembryonen" würden zu disponiblen Ersatzteillagern, Menschen zu Rohstofflieferanten für die Forschung, kritisierte Schneider. So sei beim so genannten therapeutischen Klonen ein massiver Verbrauch von weiblichen Eizellen notwendig, somit auch eine Zulassung der bisher verbotenen, medizinisch riskanten Eizellspende für Forschungszwecke.

Die mit embryonalen Stammzellen verbundenen Aussichten auf Leidminderung oder gar Heilung seien bisher unbewiesen. Umgekehrt eröffne diese Technik die Möglichkeit des so genannten "reproduktiven" Klonens, also der genetischen Kopie eines lebenden oder gerade verstorbenen Menschen. Werde die Tür des therapeutischen Klonens erst einmal aufgestoßen, so das Fazit von Schneider, werde sie sich nie wieder schließen lassen.

Darum plädierten die Teilnehmer des Symposiums in ihrer Schlusserklärung auch dafür, dass "die Forschung an Stammzellen auch künftig in Deutschland verboten bleiben soll, um die Schutzwürdigkeit des menschlichen Embryos nicht zur Disposition zu stellen".

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