Politik : Gen-Technologie: Entscheidungsfreiheit (Kommentar)

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Der Tag danach. Am Mittwoch gab die britische Regierung bekannt, sie wolle das therapeutische Klonen erlauben, also Embryonen herstellen, um sie zu vernutzen. Gestern brach dann die Debatte in Deutschland los. Und auf den ersten Blick scheint die Stimmungslage hierzulande klar: ein fast einhelliges Nein zu einer möglichen Änderung des Embryonenschutzgesetzes war zu hören und ein paar vereinzelte Ja-Stimmen. Wird bei uns also weiterhin nur der Umgang mit toten Embryonen, solchen die bei Abtreibungen übrig bleiben, erlaubt sein? Der Anschein trügt. Die Mehrheitsverhältnisse sind in Bewegung, der Ausgang der Debatte ist nicht gewiss. Nur ein Argument, das gestern mitunter gefallen ist, sollte als unakzeptabel gelten: An der Entwicklung zum Klonen könne man sowieso nichts ändern und müsse darum möglichst rasch mitmachen. Das wäre der freiwillige Verzicht auf jegliche nationale Politik. Wer sagt, alles wird irgendwo, irgendwann, von irgendwem sowieso gemacht und darum macht man es lieber selbst und sofort, der verabschiedet sich von jeder Moral. Das ist die Logik des Mafiabosses: Wenn ich die Drogen nicht verkaufe, dann tun es die anderen und die sind noch schlimmer als ich. Das Argument ist nicht nur anti-moralisch, es ist auch falsch. Deutschland ist ein Land von Gewicht, das gentechnologisch gewiss nicht aus allem aussteigen kann; aber alles mitmachen, das muss es auch nicht. Und das, was wir tun oder unterlassen, hat auch Wirkungen auf andere. Nein, es gibt etwas zu entscheiden, wir sind frei.

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