Politik : Genau hingeschaut

Hans Monath

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Manchmal möchte man doch zu gern in die Köpfe von Politikern hineinschauen können. Vor allem natürlich in die Schädel der so wichtigen Fraktionschefinnen und -chefs, der Ministerinnen und Minister, die in den ersten Sitzungen des Bundestages auffällig oft in einer Broschüre mit rot-weiß gestreiftem Umschlag blättern – in der frischen Ausgabe von Kürschners Volkshandbuch des Deutschen Bundestages, die eben auch alle neu gewählten Abgeordneten mit Bild und Text kurz vorstellt. Und wirklich jeder tut es, egal ob er zum Oppositions- oder Regierungslager gehört. Finanzminister Hans Eichel etwa sitzt da und hält das Druckwerk mit spitzen Fingern und kritischem Blick weit von sich. Auch der Kanzler schaut ab und an auf die Liste mit den vielen Gesichtern und Namen – und dann schweift der Blick sofort ins Plenum. Joschka Fischer, exzessiv in all seinem Tun, wühlt sich wie besessen durch die Seiten. Und was geht den wichtigen Männern und Frauen dabei durch den Kopf? Fragen sie sich, ob der Gewinner des Direktmandats von Bochum I dem Sparkurs zustimmt, die Fraktionsdisziplin einhält oder für die Verlängerung von „Enduring Freedom“ votiert? Oder erlaubt sich gerade ein viel beschäftigter Entscheider in einem lauen Moment ganz normale Gedanken wie etwa: Wer ist denn der Kerl da mit dem komischen Bart bei der SPD? Hui, die in den hinteren Reihen der Union sieht ja gut aus! So, so, Rechtsanwalt ist der neue liberale Kollege, beachtlich in dem Alter. Aber warte, dir werd’ ich schon zeigen, wo der Bartel den Most holt! Oder, wenn die Anstrengung mal wieder müde gemacht hat: Hilfe, der erinnert mich an meinen alten Lateinlehrer! Na ja, typische Gewerkschaftskarriere, das sieht man schon an der Körperhaltung. Sind wir hier im tiefen Wald oder im Bundestag – der kommt ja daher wie ein Oberförster! Wer solche Gedanken nachvollziehen will, muss nur den Fernseher anmachen. Oder, wie gesagt, in Kürschners Volkshandbuch schauen, 15. Wahlperiode. Für die Ähnlichkeit der Fotos mit den angeblich dargestellten Abgeordneten übernimmt die Redaktion allerdings keine Gewähr.

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