Generation 65plus : Die jungen Alten

Wer heute in Rente geht, hat mehr Lebenszeit vor sich als unsere Großeltern. Was macht die Generation 65plus aus? Fragen und Antworten über die jungen Alten.

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Keinen Bock auf Ruhestand. Immer mehr über 65-Jährige sind noch auf diese oder jene Weise berufstätig.
Keinen Bock auf Ruhestand. Immer mehr über 65-Jährige sind noch auf diese oder jene Weise berufstätig.Foto: Jan Woitas/dpa

Dass die Alten immer jünger werden, wird vernünftigerweise niemand behaupten. Aber vielleicht jugendlicher, sich jünger fühlend. Das kommt möglicherweise daher, dass sie tatsächlich immer älter werden. Mit der wachsenden Lebenserwartung geht ein Effekt einher, den man als länger werdendes Mittelalter bezeichnen kann: die Phase, in der man sich in der Mitte des Lebens fühlen kann, wächst – langsam, aber kontinuierlich. Wer heute in Rente geht, hat weit mehr Jahre vor sich, als das in aller Regel noch für die Großelterngeneration galt, die das Bild vom Alter der heutigen Renteneinsteiger geprägt hat. Die freilich ein etwas anderes Alter vor sich haben. Weshalb heute über längere Lebensarbeitszeit mit weitaus größerer Selbstverständlichkeit geredet wird als vor zwanzig oder dreißig Jahren.

Wie steht es mit der Lebenserwartung der Generation 65plus?

Wer 65 Jahre alt wird, hat statistisch gesehen noch einiges an Jahren vor sich: Nach der letztgültigen Sterbetafel kann ein 65-jähriger Mann damit rechnen, noch 17,5 Jahre zu leben, also gut 82 Jahre alt zu werden. Bei den Frauen ist die Lebenserwartung im Alter noch höher. Heute 65-Jährige werden nach den statistischen Werten im Durchschnitt fast 86 Jahre alt werden. Die Spanne bis zum Tod ist damit so lang wie die bei Mittvierzigern bis zur Rente. Und wer denkt mit 45 oder 47 Jahren, wenn bei vielen noch nicht einmal die Kinder aus dem Haus sind, an die Rente? Wer heute ins Rentenalter kommt, denkt an vieles, aber meist nicht ans Ende.

Wie viele in der Generation über 65 arbeiten noch?

Die Statistiker können jetzt nachweisen, was die eigene subjektive Erfahrung schon seit Jahren zeigt: Viele arbeiten länger. Dabei ist der sich nach hinten verschiebende Renteneintritt (derzeit liegt er bei 65 Jahren und drei Monaten) ein Grund, aber nicht der maßgebliche, wie Frank Schüller vom Statistischen Bundesamt am Mittwoch bei der Vorstellung der Zahlen zur „Generation 65+“ in Berlin sagte. Es ist deutlich mehr Schwung in dieser Entwicklung zum längeren Arbeiten.

„Die Erwerbstätigenquote älterer Menschen hat sich in kurzer Zeit mehr als verdoppelt“, betonte der Präsident des Bundesamtes, Roderich Egeler. Waren vor zehn Jahren noch sechs Prozent der Renteneinsteiger zwischen 65 und 69 Jahren erwerbstätig, so waren es 2014 schon 14 Prozent. Jeder siebte Rentenberechtigte macht also irgendwie weiter. Häufig als Selbständiger oder als Mithelfender im Familienbetrieb – 39 Prozent der Erwerbstätigkeit in dieser Altersgruppe entfielen auf diese beiden Kategorien. Was bedeutet, dass etwa drei von fünf erwerbstätigen Rentnern noch in einem alten oder neuen Arbeitsverhältnis sind. Die Deutschen liegen damit etwa im Schnitt der EU-Länder. Ein Grund für die gewachsene Erwerbstätigkeit nach 65 ist auch, dass sie in der Altersgruppe davor ebenfalls gestiegen ist: Bei den 60- bis 64-Jährigen liegt sie jetzt bei 53 Prozent, deutlich mehr als im EU-Schnitt.

Sind die neuen Alten wirklich aktivere Alte?

Einige Daten sprechen dafür – über das häufigere Arbeiten hinaus. Zum Beispiel ist die Computer- und Internetnutzung der Generation 65plus in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen – kein Wunder, denn wer heute in Rente geht, ist im Berufs- wie im Privatleben mit Informations- und Kommunikationstechnik vertraut. Es sind vor allem die ganz Alten, die schon vor oder während der IT-Revolution aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind, die sich nicht mehr verändert haben und den Schnitt senken. Während 83 Prozent aller Deutschen das Internet nutzen, sind es bei den Männern und Frauen über 65 Jahren nur 45 Prozent (Männer mehr, Frauen weniger). Immerhin: Wenn sie im Netz unterwegs sind, unterscheiden sie sich offenbar nur wenig von den Jungen. Zwei Drittel der alten Surfer haben schon einmal etwas online bestellt; exakt so viele wie in der Altersgruppe von 10 bis 24. Auch im europäischen Vergleich sind die alten Deutschen bei der Internetnutzung ganz gut dabei; nur Skandinavier, Briten und Holländer sind aktiver.

Wie steht es um die Einkommen der Älteren?

Dass die ältere Generation heute so wohlhabend sei wie noch nie, das wollte Egeler bei der Vorstellung der Zahlen nicht bestätigen. Zwar ist die Armutsgefährdung der Älteren geringer als bei den jüngeren Generationen, und während bei den 18- bis 64-Jährigen jeder dritte bei unerwarteten Ausgaben finanziell in die Klemme kommt, sind es bei den Rentenjahrgängen nur 22 Prozent. Doch neben den Vermögenden und Abgesicherten gibt es unter den Älteren auch jene Gruppe, die von recht geringen Renteneinkommen leben muss oder ohne Grundsicherung im Alter nicht auskommt. Der Anteil der Grundsicherungsempfänger, also der tatsächlich armen Alten, ist von 1,7 Prozent (2003) auf etwa drei Prozent gewachsen – und es dürften mehr werden, denn immer mehr Arbeitnehmer haben heute Erwerbsbiographien, die nur zu niedrigen Renten führen: ohne Vollzeitjob über viele Jahre hinweg, mit längeren Auszeiten, Minijobphasen, generell prekärer Beschäftigung. Und Frauen stehen im Alter statistisch gesehen finanziell schlechter da als Männer. Jede vierte Frau über 65, die in einer Paargemeinschaft lebt, kann ihren Lebensunterhalt nicht ohne die Einkünfte von Angehörigen, also vor allem ihres Mannes, bestreiten. 71 Prozent der Frauen würde die Rente allein reichen, bei den Männern sind es hingegen 94 Prozent.

Was sind die Gründe für den Renteneintritt?

Ging noch 2005 jeder vierte Arbeitnehmer über eine Vorruhestandregelung oder nach Arbeitslosigkeit in die Rente, waren es 2013 nur noch knapp 15 Prozent. Dagegen wuchs der Anteil derer, die aus Altersgründen das Arbeiten aufgaben, meist weil sie das reguläre Renteneintrittsalter erreicht hatten. Personen aus dieser Gruppe waren bei der Arbeitsaufgabe im Schnitt 64,4 Jahre alt; 2005 waren es 63 Jahre. Damit hat sich der normale Renteneintritt binnen zehn Jahren um mehr als ein Jahr verschoben. Nur beim Renteneintritt aus Gesundheitsgründen hat sich wenig bewegt. Nach wie vor geht jeder vierte Arbeitnehmer wegen Krankheit in Rente, in aller Regel vorzeitig (im Schnitt im Alter von gut 55 Jahren, heute wie vor zehn Jahren).

Was bedeuten aktive Alte für die Wahlen?

Die neuen Alten haben überproportional viel Einfluss auf das politische System. Denn die Älteren entscheiden den Ausgang von Wahlen stärker als andere Altersgruppen. Da kommen zwei Effekte zusammen: Zum einen wächst absehbar die Zahl der Senioren, zum anderen bleibt der Bürgersinn in diesen Generationen gleich. Bei der Bundestagswahl 2013 machte die Generation 60plus ein Drittel der Wähler aus – bei einer Wahlbeteiligung nahe 80 Prozent. Von den jüngeren Wählern bis 40 Jahre nahmen nur 60 bis 70 Prozent ihr Stimmrecht wahr. Zugute kommt der Wahlfleiß der Älteren vor allem den beiden Volksparteien Union und SPD.

Ob sich das demnächst ändert, wenn die „Generation Öko“ in Rente geht, ist Wahlforschern nicht richtig klar. Dafür scheint etwas dran zu sein an der Bonmot-Regel, dass die Leute mit dem Alter vom Rebellentum ins Konservative wechseln. Das hat weniger mit dem üblichen Rechts-Links-Schema zu tun als mit wachsender Sympathie für konsensuale, ausgleichende Positionen. Und die finden sich naturgemäß eher bei den etablierten Volks- als bei den kleineren Interessenparteien. Für die Volksparteien ist dieser Lebenszyklus-Effekt eine durchaus zweischneidige Angelegenheit. Sie dürfen diese treue Wählerschaft auf keinen Fall vergrätzen – im Wahlkampf über Rentenfragen zu reden, gilt als selbstmörderisch. Aber nennenswerte Zuwächse lassen sich unter den Grauköpfen nicht erzielen. Da ist Luft am ehesten in jüngeren Altersgruppen.

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