Politik : Generation Danach

Von Tissy Bruns

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Immer wieder hat Gerhard Schröder den fehlenden Kampfgeist der Jüngeren in der SPD verspottet. Ganz im Geist seiner Generation, die bis ans kühle Grab die schöne Einbildung pflegen wird, sie sei für ewig jung – und deshalb jeden, der mit 30 Jahren einen Anzug trägt, zum Frühgreis erklären muss. Die Rechnung für Schröders Dauerprovokation liegt nun auf Franz Münteferings Tisch: Andrea Nahles will SPDGeneralsekretärin werden. Sie liegt damit im Trend ihrer Zeit. Neuerdings werden Frauen Kanzlerin; nicht die Söhne, die Töchter entthronen die Väter.

Es ist nachvollziehbar, wenn Müntefering bei diesem Amt sichergehen will. Der SPD fällt das Regieren ohnehin schwer. Und eine große Koalition, die sich noch dazu die Reform des Sozialstaats vornimmt, kann einen SPD-Chef und künftigen Vizekanzler um den Schlaf bringen, bevor es überhaupt losgeht. Müntefering will in dieser politischen Konstellation ein leicht kalkulierbares Willy-Brandt- Haus. Darum soll sein Vertrauter Kajo Wasserhövel Generalsekretär werden.

Gerade deshalb wollen die Nahles-Anhänger den Mann von Müntefering nicht. Im Konflikt um den Generalsekretär steckt ein Richtungsstreit, allerdings nicht der klassische zwischen Rechts und Links, Modernisierern und Traditionalisten. Er dreht sich um die Frage, wie kurz oder lang die Leine für die SPD sein soll, die in einer großen Koalition mitregiert. Deshalb ist Nahles nicht nur Kandidatin der Linken. Sie wird von einem flügelübergreifenden Generationenbündnis unterstützt, dem auch bekennende Schröderisten angehören. In diesem gemeinsamen Anspruch auf das – nach Müntefering – wichtigste Parteiamt scheint eine SPD auf, über die sich ihr Vorsitzender eher freuen als ärgern sollte. Ganz unabhängig vom Ausgang des Personalstreits wird mit dieser SPD zu rechnen sein.

Müntefering hegt eine verborgene Eitelkeit. Er möchte der SPD-Chef sein, der einer traditionell oppositionsverliebten Partei das Regieren nachhaltig beigebracht hat. Die Generation der so genannten Brandt-Enkel hatte es auch besonders nötig. Denn sie kam von der Straße in die SPD, träumte von Systemveränderung und schleppte die Vorliebe für Programm und Theorie wieder in die Partei hinein, die sich gerade zur Volkspartei geöffnet hatte. Sie brauchte Schröders brachialen Pragmatismus, flankiert von Münteferings Disziplin, um an die Regierungsmacht zu kommen, darin zu bestehen – und mit Rot-Grün zu scheitern.

Die Nachfolger der Enkel, inklusive der jungen Linken, haben die Idee einer SPD, die für Staat und Gemeinwesen Verantwortung übernimmt, nie abgelehnt. Sie denken Münteferings Gedanken nur weiter. Der Wunsch nach einer Generalsekretärin mit politischem Kopf und kämpferischem Habitus zieht eine wichtige Lehre aus Schröders letzten Regierungsjahren. An den Schwierigkeiten mit der Reformagenda wurden die Grenzen des politischen Pragmatismus offensichtlich: Die SPD und ihre Wähler leben nicht vom Brot allein.

Ein Zufall ist es nicht, dass die junge Generation in Zeiten der großen Koalition eine selbstbewusste, eigenständige SPD will. Sie denkt verantwortlich für die SPD, nicht nur für die eigene Karrieren. Nahles und ihre Anhänger werden nach einer – hoffentlich erfolgreichen – großen Koalition die SPD weiter führen.

Volksparteien sind säkularisierte Kirchen, sagt Müntefering gelegentlich. Folglich brauchen sie Transzendenz, Menschen, die an ein „Danach“, die an die Zukunft glauben.

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