Politik : Generation Golfkrieg

AUFSTAND DER SCHÜLER

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Von Christoph Amend

Wie sich die Bildern ähneln, zumindest auf den ersten Blick. Am Wochenende schien die Sonne über Berlin, und die riesige Menschenmenge bewegte sich die Straße des 17. Juni entlang auf die Siegessäule zu. Man müsste sich nur laute TechnoBeats dazu- und den DGB-Chef Michael Sommer wegdenken – fertig wäre die Love Parade.

Oder haben wir uns in den vergangenen Jahren so sehr an den Gedanken von der unpolitischen Jugend gewöhnt, dass wir bei diesen Bildern automatisch denken: Die Jungen von heute wollen höchstens für ihr Recht auf Party demonstrieren – und für sonst gar nichts?

Seit Beginn des Krieges im Irak haben in Deutschland mehr als 50 Friedensdemonstrationen stattgefunden, die meisten davon Veranstaltungen von Schülern, zu Zeiten, in denen Teenager normalerweise im Mathematik-Unterricht an Algebra verzweifeln. Wenn man die Bilder richtig deutet, sieht man vor allem die ganz Jungen, die 13-, 14-, 15-, 16-Jährigen mit ihren unten weit geschnittenen Hosen, bunt gedruckten T-Shirts und engen, bauchfreien Tops. Wenn es stimmt, was Wissenschaftler behaupten, dass heute alle zehn oder sogar fünf Jahre eine neue Generation entsteht, dann erlebt diese gerade ihren ersten großen Auftritt. Es ist wie bei der ersten Aufführung der Theater-AG in der Schule: Papa Schröder und Mama Merkel sitzen im Publikum, wollen sehen, was die Kleinen hinbekommen haben, und sehen sich manchmal erstaunt an: Das sind also die Erwachsenen von morgen?

Wer ist diese Generation Golfkrieg? Sie sind Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre geboren, sie kennen die Welt nicht ohne Handy und Internet, und nur ihre etwas älteren Geschwister erinnern sich noch, wie es war, als es einmal zwei deutschen Staaten gab. Die Weltpolitik trat zum ersten Mal vor zwei Jahren in ihr Leben: am 11. September. Dieses Ereignis hat sie erschüttert, aber es war keine Aufforderung zum Handeln – fast die ganze Welt stand damals auf der Seite Amerikas. Der Krieg im Irak ist deshalb ihr politisches Erweckungserlebnis: Sie zeigen, das sie mit dem Lauf der Dinge nicht einverstanden sind.

Die Jungen und der Krieg: Zum ersten Mal beschäftigen sie sich nicht nur mit ihrer eigenen Welt, nicht mit den Essstörungen der besten Freundin, dem neuen Computerspiel von Sony oder der Angst vor der nächsten Arbeit, sondern mit der großen Welt da draußen. Wird diese Generation also anders geprägt, politischer als etwa die heute 30-Jährigen? Zumindest sitzen sie nicht apathisch zu Hause, sondern mischen sich ein.

Die Argumente der Jungen seien platt, ihr Weltbild simpel, sagen ihre Kritiker – und sie haben damit natürlich Recht. Die Schüler müssen auch nicht besonders rebellisch sein. Die meisten Eltern und Lehrer demonstrieren ja mit. Wenn sie auf Plakaten George W. Bush und nicht Saddam Hussein als Bösewicht zeigen und wenn manche glauben, es ginge nur ums Öl, dann kann man mit ihnen darüber diskutieren. Aber wer erwartet allen Ernstes von einem 13-Jährigen, dass sein politisches Weltbild in allen Nuancen zu Ende gedacht ist?

Das Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung hat in einer Umfrage herausgefunden, dass 83 Prozent der Teilnehmer der Friedensdemonstration vom 15. Februar sich als „links“ einstufen. Wenn wir das auf die Teenager projizieren: Hängen nicht fast alle in ihrer Jugend linken Idealen nach?

Auch beim letzten Golfkrieg 1991 protestierten die Schüler für den Frieden – doch damals noch in den Schablonen und im Look der alternativen 70er und 80er Jahre. Als der Krieg dann vorbei war, spielte Politik im Leben der damaligen 15-Jährigen keine Rolle mehr. Die goldenen 90er Jahre hatten begonnen, das Spaßjahrzehnt der Love Parade. Der Lebensstil der Alternativen wanderte in die Altkleidersammlung. Die Jungen von heute werden in wirtschaftlichen Krisenzeiten groß, die Jobs werden ihnen nicht zufliegen wie manchen ihrer älteren Cousins. Vielleicht werden sie politischer, als man gedacht hätte – es wäre schön, wenn sie diese Chance nutzten. Sind sie womöglich heute schon engagierter als die im Schnitt zehn Jahre älteren Studenten, die bei den Friedensdemonstrationen weniger ins Auge fallen? Nun, es sind ja noch Semesterferien.

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