Politik : Generation Nachkrieg

Henry Kissinger warnt vor weiterer Konfrontation zwischen Berlin und Washington

Malte Lehming[Washington]

Es spricht ein zorniger, alter, kluger Mann. Am Montag veröffentlichte die „Washington Post" ein Editorial unter der neutral klingenden Überschrift „Repairing the Atlantic Alliance". Dessen Autor: der ehemalige US- Außenminister Henry Kissinger. Der ist bekannt für seine ausgewogenen, realpolitischen Analysen. Diesmal jedoch lässt Kissinger alle diplomatische Rücksicht sein und zieht vom Leder. Falls Frankreich und Deutschland auch nach dem Irak-Krieg an ihrem anti-amerikanischen Kurs festhielten, warnt er, und die Vereinten Nationen „weiter als Instrument benutzen, um die USA zu isolieren", dann wäre „das traurige Ende einer Partnerschaft" besiegelt.

Mit beißendem Spott beschreibt Kissinger die Motivlage der kontinentaleuropäischen Amerika-Kritiker. In Deutschland sei nach dem Ende des Kalten Krieges eine Generation an die Macht gekommen, die keine Erinnerung mehr habe „an die Befreiung Europas und den Wiederaufbau durch den Marschallplan". Die Errungenschaften würden als selbstverständlich wahrgenommen, geprägt worden sei diese Generation vom Vietnamkriegs- und Nachrüstungsprotest. In einem „fast fröhlichen Trotz", schreibt der Ex-Außenminister weiter, hätten Frankreich und Deutschland die amerikanische Irak-Politik bekämpft. Das Ergebnis sei eine „tektonische Verschiebung" der Kräfte innerhalb der transatlantischen Allianz. Die Wunden wieder zu heilen, werde schwierig. Dazu sei bereits zu viel passiert. Noch hämischer beschreibt am Montag ein Kommentator in der „New York Times" das transatlantische Verhältnis. Für ihn sind Paris, Berlin und Moskau nur noch „the little three". Und das „Wall Street Journal" schließlich berichtet über die US-geführten Gespräche zum Wiederaufbau des Irak. Die Länder der Kriegskoalition, darunter auch Australien und Polen, säßen am Haupttisch und verteilten den Auftragskuchen. Russland, Frankreich und Deutschland seien nicht eingeladen worden, dürften aber an den Treffen „als Beobachter" teilnehmen.

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