Politik : Generation unter Schock

Mit dem Schulbeginn sollen die Kinder in Sri Lanka wieder ein Stück Normalität erhalten

Christine Moellhoff[Galle]

Immer noch schreckt Lakshita jede Nacht aus dem Schlaf hoch. Dann schreit der Achtjährige oder wimmert leise vor sich hin. Früher hätte ihn die Mutter getröstet und in den Arm genommen. Aber die Mutter ist nicht mehr da, und auch nicht der kleine Bruder, gerade sechs Jahre war er alt. Beide haben die Riesenwellen weggespült. Und Lakshita hat es mitangesehen. Dort, von dem Baum aus, auf den er sich gerettet hat an jenem Morgen, als das Wasser aus dem Meer kam. Erst Stunden später haben Dorfbewohner ihn gefunden, vor Angst erstarrt. Auf dem Weg hat er sie dann gesehen. „Das ist meine Mutter“, hat er gesagt, als einer ihren leblosen Körper umdrehte. Die Männer haben ihn schnell fortgezerrt.

Ganz nah am Meer liegt das kleine Dorf von Lakshita und seiner Familie – im Distrikt Galle im Süden Sri Lankas, wo die Flut besonders schlimm gewütet hat. Lakshita und seine ältere Schwester haben mit 650 anderen Flüchtlingen nun Zuflucht in einer Schule gefunden, weit weg vom Meer. Eine Tante und die Großeltern kümmern sich nun um sie. Das Haus der Familie hat der Flut standgehalten – sie werden dorthin zurückkehren, wenn es wieder bewohnbar ist.

Aus Lakshitas Jungengesicht mit den schiefen Zähnen und den abstehenden Ohren schauen verlorene, traurige Augen. Die Flutkatastrophe hat Millionen Menschen schwer traumatisiert. Sie haben Furchtbares erlebt, sie haben Furchtbares gesehen. Hilfsorganisationen schätzen, dass allein Hunderttausende Kinder Betreuung bräuchten, dass eine ganze Generation im Schock sei.

An diesem Montag sollen die ersten Schulen in den verwüsteten Regionen wieder beginnen – und den Kindern ein Stück Normalität zurückgeben, an dem sie sich festhalten können. Viele Stühle in den Klassenzimmern werden jedoch leer bleiben – über 12 000 der mehr als 30 000 Toten in Sri Lanka sind Kinder.

In der zum Notcamp umfunktionierten Schule von Lakshita hat ein Komitee, das den Alltag organisiert und Spenden verteilt, feinsäuberlich die Namen aller Flüchtlinge und auch der 205 Kinder in Listen festgehalten, mit Namen, Alter, Verwandten und Heimatdorf. Fremden ist der Zutritt zum Gelände untersagt. Die Bewohner wissen um die Gefahr, dass Kinder in dem Chaos nur allzu leicht verschwinden könnten. Nicht nur Waisen, auch jene Kinder, die tagsüber alleine sind, weil Vater oder Mutter das verwüstete Haus aufräumen.

Es gibt Berichte, dass Menschenhändler die Notcamps abgrasen. In Asien werden jedes Jahr Hunderttausende Kinder verschleppt und verkauft – als Haushaltssklaven oder für den Sexmarkt. Niemand weiß bisher sicher, wie viele Kinder in den Katastrophenregionen auf sich gestellt sind und wo sie genau sind. In Indonesien wurde nun ein vier Jahre alter Junger aus den Händen eines Paares befreit, das sich als seine Eltern ausgegeben hatte. Ein Hilfsarbeiter in der indonesischen Provinz Aceh will mitten in der Nacht ein Boot mit 100 Kindern gesehen haben. In Sri Lanka wird auch den Tamilenrebellen der LTTE vorgeworfen, Kinder aus den Camps zu verschleppen, um sie als Kindersoldaten zu rekrutieren.

Auch Adoptionen sind ein lukratives Geschäft. Kinderlose Eltern – auch aus dem Westen – sind oft bereit, Geld für ein Kind zu zahlen. Indonesien hat bereits ein Ausreiseverbot für Kinder aus der Krisenregion verhängt. In Sri Lanka dürfen angebliche Flutwaisen nur mit Erlaubnis der Regierung adoptiert werden, ähnliches wird in Indien diskutiert. Helfer versuchen derzeit, elternlose Kinder ausfindig zu machen und nach ihren Familien zu forschen.

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