Generationenkonflikt : "Alte wollen nicht nur Rentner sein"

Der Soziologe Wolfgang Streeck warnt davor, den Generationenkonflikt aufzubauschen. Die Politik sollte die gemeinsamen Interessen betonen. Ein Interview.

Der Anteil der Älteren und Rentner an der Bevölkerung wächst. In der CDU zum Beispiel gab es unlängst heftige Kontroversen zwischen Jungpolitikern und der Senioren-Union wegen der Rentenpolitik. Und Altbundespräsident Roman Herzog hat sogar vor einer „Rentnerdemokratie“ gewarnt. Steuern wir in Deutschland auf heftige Konflikte zwischen Jung und Alt zu?



Ich glaube, dass der um sich greifende Alarmismus nicht gerechtfertigt ist. Zwar wächst durch die Alterung unserer Gesellschaft der Anteil der Rentner bei den Wahlberechtigten und auch in der Mitgliederschaft der Parteien und Gewerkschaften. Das heißt aber noch nicht, dass damit ein höherer Grad an Aktivismus der Alten einhergeht oder dass deren Interessenbewusstsein sich plötzlich verschärft hat.

Sondern?


Sie ist zunächst vor allem das Ergebnis einer historischen Veränderung im politischen Verhalten. Die Jüngeren wählen seltener, gehen weniger feste Verbindungen ein, engagieren sich eher auf einzelne Themen hin, etwa in Bürgerinitiativen. Mit dem Prozess der Entgewerkschaftung und dem Übergang zur Mediendemokratie nimmt der Einfluss von Verbänden und Parteien ab. Es nützt den Alten also nicht viel, wenn sie dort die Mehrheit der Mitglieder stellen. Übrigens hat man vor einigen Jahren noch weniger über die potenzielle Macht der Alten geredet als über deren drohenden Ausschluss aus der Gesellschaft, in Heimen an den Rand gedrängt und politisch entmündigt.

Aber gibt es nicht doch spezifische Interessen der Rentner, die mit ihrer wachsenden Zahl immer stärker die politische Agenda bestimmen werden?

Im Mittelpunkt der ganzen Aufregung steht ja der Wohlfahrtsstaat. Und was das Interesse daran betrifft, sehe ich keinen großen Unterschied zwischen den Generationen. Alle werden einmal Rentner und Pensionäre sein, weshalb alle ein Interesse an einem funktionierenden Rentensystem mit einigermaßen ordentlichen Renten haben. Die Jüngeren wissen, dass die staatliche Rente sie davor bewahrt, finanziell für die Eltern direkt einstehen zu müssen. Daher werden zum Beispiel auch höhere Pflegeversicherungsbeiträge akzeptiert. Die Bildungs- und Arbeitschancen der nachwachsenden Generation sind andererseits ein Thema, das auch für die Alten wichtig ist. Warum sollte das alles anders werden, wenn nun die Rentnergeneration wächst?

Immerhin reagiert die Politik doch schon: Die Bundesregierung hat mit Blick auf Stimmen der Alten eine Rentengarantie ausgesprochen.

Das ist sicher wahltaktisch motiviert, aber dahinter steht auch eine Entwicklung, die man nicht übersehen darf. Die Eckrenten sind seit Jahren gesunken. Wenn aber einmal der Punkt erreicht ist, an dem der durch Beiträge erworbene Rentenanspruch kaum noch höher ist als die staatliche Sozialleistung für die, die nichts einbezahlt haben, stellt sich die Frage, ob das verfassungskonform ist. Der Spielraum für Renteneinschnitte wächst nicht. Übrigens sind die Reformen der letzten zwei Jahrzehnte, die zu stagnierenden Renten, mehr Eigenvorsorge und einer effektiven Erhöhung des Renteneintrittsalters geführt haben, letztlich von Jung und Alt akzeptiert worden.

Was bei weiteren Einschnitten ja nicht so bleiben muss …


Ich sehe aber keinerlei Anzeichen dafür, dass die Rentner zu sogenannten Single-Issue-Wählern werden, denen es allein darum geht, ihren sozialpolitischen Besitzstand zu verteidigen. Und bisher jedenfalls haben sich die Parteien nicht auf einen das Gemeinwohl zerstörenden Wettlauf um die Gunst dieser Wählergruppe eingelassen. Zudem sind „graue“ Parteien, die nur das Wohl der Alten im Blick haben, bislang überall gescheitert. Auch Rentner wollen an der Gesellschaft als Bürger teilhaben, wollen in Fragen wie Umwelt, Krieg und Frieden oder Bildung mitbestimmen. Mögliche sozialpolitische Interessenkonflikte zwischen den Generationen sind bei Weitem nicht alles, wofür sich ältere Menschen interessieren. Alte wollen nicht als Alte wählen, daher stimmen sie für dieselben Parteien wie die Jungen und wählen auch junge Kandidaten, weil sie Mitglied der Gesellschaft bleiben und nicht nur Rentner sein wollen.

Wie muss die Politik auf die alternde Gesellschaft reagieren?


Vor allem ohne eine Rhetorik des Generationenkonflikts. Die Politik sollte die sozialen Bindungen zwischen Jung und Alt pflegen und die gemeinsamen Interessen betonen, auch dadurch, indem sie räumliche Trennung oder soziale Segregation möglichst vermeidet. Das heißt auch, auf stabile Beziehungen in den Familien zu achten. Sie darf auch die Bekämpfung einer Rückkehr der Altersarmut nicht allein als sozialpolitische Sache sehen. Hier spielt die Lohn- und Beschäftigungspolitik eine Rolle. Wenn man der wachsenden Ungleichheit bei Löhnen und Beschäftigungschancen Einhalt gebietet, schafft man die Voraussetzungen für eine ausgleichende Sozialpolitik im Alter. Nötige Einschnitte werden dadurch akzeptabler, indem man sie durch Maßnahmen ergänzt, die es möglich machen, mit ihnen zu leben: zum Beispiel die Verlängerung der Lebensarbeitszeit durch einen verbesserten Zugang zu Weiterbildung.

Das Gespräch führte Albert Funk.

Wolfgang Streeck ist Soziologe und leitet seit 1995 das Max- Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Davor arbeitete er unter anderem am Wissenschaftszentrum Berlin.

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