Politik : Genfood füralle

Die USA wollen manipulierte Nahrung weltweit verbreiten – und gegen die Importbeschränkungen der EU klagen

Malte Lehming[Washington]

Einige Geschichten beginnen an exotischen Orten. Die Republik Sambia im Süden Afrikas gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Mehr als achtzig Prozent der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 48 Jahren. Regelmäßig werden die Sambier von Hungersnöten geplagt. Die sind eine Folge der Dürre. Manchmal hilft den Hungernden eines der reichen Länder, wie im vergangenen Oktober, als die USA ein Schiff mit 26 000 Tonnen Lebensmittel entsandten. Doch dann geschah etwas Unerwartetes: Die sambische Regierung schickte das Schiff mitsamt der Ladung zurück. Das amerikanische Getreide sei gentechnisch verändert worden, hieß die Begründung. Die Körner könnten in die sambische Erde geraten und das heimische Getreide infizieren. Für den US-Handelsbeauftragten Robert Zoellick war dies ein Schlüsselerlebnis.

Wenige Wochen später schimpfte Zoellick öffentlich – auf die Europäer. Die würden durch ihre „anti-wissenschaftlichen“ Einstellungen die Vorurteile gegen Gen-Nahrungsmittel weltweit verbreiten. Das sei „unmoralisch“. Einige europäische Länder machten gar ihre Wirtschaftshilfe an Entwicklungsländer abhängig von der Frage, ob diese den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen erlauben. Seither war klar, dass ein neuer, erbitterter Streit auf die transatlantische Gemeinschaft zukommt. Nach den emotional aufgeladenen Themen Umwelt (Kyoto), Völkerrecht (Internationaler Strafgerichtshof) und Krieg (Irak) entzündet sich diese Auseinandersetzung an der Biotechnologie. Das „Wall Street Journal“ prophezeit „den heftigsten Handelsstreit seit Jahren“.

Am Dienstag kündigte Zoellick eine Klage der Vereinigten Staaten gegen die EU-Importrestriktionen für Gen-Nahrung bei der Welthandelsorganisation (WTO) an. Unterstützt wird die Klage von Argentinien, Kanada und Ägypten. Die US-Regierung will damit das seit 1998 bestehende EU-Moratorium kippen, das den Import genmanipulierter Lebensmittel faktisch verbietet. „Das EU-Moratorium verletzt die Regeln der WTO“, heißt es in der Erklärung. „Wir haben fünf Jahre lang geduldig gewartet, dass die EU ihre Vorschriften auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützt“, so Zoellick. Biotech-Lebensmittel seien kein Fluch, sondern ein Segen: Sie ernährten die Hungernden, seien gesund und schützten die Umwelt wegen eines geringeren Bedarfs an Pestiziden. Außerdem gingen der US-Agrarwirtschaft durch die europäischen Einfuhrbeschränkungen Exporterlöse von jährlich 300 Millionen Dollar verloren.

Die Klage ist nicht minder brisant als ihr Zeitpunkt. Im Vorfeld des Irak-Krieges war das Weiße Haus vor diesem Schritt zurückgeschreckt, um die amerikanisch-europäischen Beziehungen nicht weiter zu belasten. Jetzt, wo sich beide Seiten wieder aufeinander zubewegen – am Freitag ist US-Außenminister Colin Powell in Berlin, der UN-Sicherheitsrat muss demnächst über die Aufhebung der Irak-Sanktionen entscheiden –, wirkt die Klage wie ein erneuter Affront. Sie zeigt, wie ernst es der US-Regierung mit ihrer Intervention ist. Und wie stark sie sich fühlt.

Der Disput illustriert auch, wie tief der kulturelle Gegensatz zwischen Europa und Amerika in diesem Bereich ist. In den USA gehört Gen-Nahrung zum Alltag. Sie gilt als gesund. Gekennzeichnet werden muss sie nicht. Ob Mais oder Müsli, Soja oder Weizen, Brot oder Bier: Immer mehr Produkte sind gentechnisch manipuliert oder bestehen aus gentechnisch manipulierten Bestandteilen. Das soll sie ertragreicher machen und weniger anfällig für Schädlinge. In Europa dagegen wird Gen-Nahrung wegen angeblicher Gesundheitsrisiken oft als „Frankensteinfood“ verdammt. Kaum ein Supermarkt bietet sie an. Voraussichtlich im Juni will das Europäische Parlament über eine neue Kennzeichnungsvorschrift abstimmen. Dann müssen alle Produkte, die aus mehr als 0,9 Prozent gentechnisch manipulierten Grundstoffen bestehen, besonders ausgezeichnet werden. Die US-Regierung lehnt eine solche Kennzeichnungspflicht als protektionistische Maßnahme ab.

Der europäische Markt allein ist für die US-Industrie zu unbedeutend, um einen Handelsstreit zu riskieren. Allerdings befürchtet sie eine Ausweitung der ihrer Ansicht nach „antiwissenschaftlichen“ und „unmoralischen“ Einstellung zur Gen-Nahrung. Sambia war ihr eine Warnung. Der US-Jahresexport von genmanipulierten Produkten – vor allem nach China, Südost-Asien und in den Nahen Osten – beläuft sich auf immerhin 12 Milliarden Dollar. Tendenz rapide steigend

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