Politik : Genforschung: Auf Tauchstation

Sandra Louven

Im Gegensatz zu Deutschland sind die USA in der Stammzellenforschung bereits einen großen Schritt weiter: Dort ist die Forschung eindeutig erlaubt. Eine zunehmend hitzige Debatte dreht sich in den Vereinigten Staaten derzeit jedoch darum, ob die Arbeit an embryonalen Stammzellen staatlich gefördert werden soll. In Washington wird erwartet, dass Präsident George W. Bush vor seinem Treffen mit dem Papst in Italien am 22. Juni eine Entscheidung fällt. Die Diskussion spaltet zum ersten Mal seit dem Amtsantritt von Bush nicht nur die republikanische Partei, sondern auch die Regierung deutlich in zwei unterschiedliche Lager.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Bemerkenswert an der Frontenbildung ist, dass sich erklärte Abtreibungsgegner wie der republikanische Senator Orrin Hatch als überzeugte Befürworter der staatlich geförderten Forschung an embryonalen Stammzellen erweisen. Auch die Regierung ist uneins wie nie: Gesundheitsminister Tommy Thompson, ebenfalls ein Abtreibungsgegner, befürwortet vom Bund finanzierte Stammzellenforschung, weil dadurch Behandlungen und sogar Heilung von Krankheiten wie Parkinson möglich würden.

Der Oberste Berater von Präsident Bush, Karl Rove, hingegen fürchtet, eine entsprechende Entscheidung von Bush könnte zu vereinten Protesten von konservativen Wählern und der katholischen Kirche führen. Bush selbst hat sich noch nicht festgelegt. Einige Bemerkungen des US-Präsidenten lassen jedoch darauf schließen, dass er einer staatlichen Förderung eher abgeneigt gegenüber steht. Je näher die Entscheidung rückt, desto mehr Druck üben die zerstrittenen Parteien auf den Regierungschef aus. Außer politischen Drohgebärden haben sie jedoch nicht viel in der Hand: Die Entschei-dung liegt alleine beim Präsidenten - Bush benötigt für dieses Thema nicht die Zustimmung des Kongresses.

Hintergrund der Diskussionen ist eine Richtlinie, die Bushs Vorgänger Bill Clinton erlassen hatte. Sie hatte verfügt, dass Stammzellen keine menschlichen Embryos sind und damit ein Gesetz außer Kraft gesetzt, das staatlich geförderte Forschung verbietet, wenn dabei ein Embryo zerstört oder dem Risiko von Krankheit oder Tod ausgesetzt wird. Zwar verbietet der Clinton-Erlass, dass mit Bundesfinanzen unterstützte Wissenschaftler Stammzellen von menschlichen Embryos eigens entnehmen dürfen. Nach der Richtlinie können Forscher jedoch mit staatlicher Unterstützung an embryonalen Stammzellen forschen, wenn diese als Nebenprodukt einer künstlichen Befruchtung anfallen. Die Zahl der künstlichen Befruchtungen in den USA würde nach Ansicht von Experten ausreichen, um genügend embryonale Stammzellen für Forschungszwecke sicherzustellen.

Die Bush-Regierung hat die Umsetzung dieser Richtlinie zunächst ausgesetzt, um ihre wissenschaftlichen und ethischen Folgen zu prüfen. Beobachter halten verschiedene Kompromisse für möglich. Einer würde vorsehen, dass die staatliche Förderung für solche Stammzellen erlaubt wird, die bereits von menschlichen Embryos gewonnen wurden. Neue Entnahmen von Stamm-zellen würden jedoch verboten.

Berichte aus Deutschland, US-Unternehmen exportierten bereits Stammzellen in die Bundesrepublik, haben in der aufgeheizten Stimmung in den USA für zusätzliche Verunsicherung in der Forscherbranche gesorgt: Weder Wissenschaftler wie der Zell-Papst James Thomson von der Universität in Wisconsin, noch private Unternehmen wie Wicell Research Industries, wo auch Thomson tätig ist, wollen zu dem Thema Stellung nehmen. Selbst das US-Gesundheitsministerium hat sich zu einem Auskunfts-Stopp entschlossen und verweist auf Veröffentlichungen auf seiner Internetseite.

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