Politik : Genforschung: "Aus diesen Zellen kann kein Mensch entstehen"

Jürgen Zurheide

Das Telefon im Vorzimmer klingelt unentwegt. Die Sekretärin wirbt bei jedem der vielen Anrufer stets aufs Neue um Verständnis dafür, dass der Herr Professor einen Termin nach dem anderen absolviert und in dieser Woche keine Aussicht besteht, die Labore zu besuchen. Mitte der vergangenen Woche hatte ihr Chef, Professor Otmar Wiestler, neben Wolfgang Clement in Haifa gesagt, dass er gerne mit den Israelis kooperieren und möglicherweise auch embryonale Stammzellen von dort nach Deutschland importieren würde. Seither steht sein Telefon nicht mehr still.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik "Ja", erklärt der Herr Professor wenig später, "wir sind mit unseren Forschungen so weit, dass wir die im Tierversuch gewonnen Erkenntnisse nun mit menschlichen embryonalen Zellen weiter entwickeln müssten". Bevor Otmar Wiestler nun erklären kann, was er und seine Kollegen am Institut für Neuropathologie der Universität Bonn bisher herausgefunden haben, muss er noch einmal den Hörer abnehmen. Am anderen Ende der Leitung wird ihm Professor Winnacker avisiert, der Chef der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Angesichts der jüngsten Debatte müssen die beiden fürchten, dass die Berliner Politik die Ampeln für die gewünschte Forschung auf Rot stellt. "Das wäre schwierig, weil wir zurzeit ungefähr ein halbes Jahr Vorsprung haben", erklärt unterdessen Oliver Brüstle, der Partner von Wiestler. Grafik: Die Gewinnung von Stammzellen Nun wissen die beiden Forscher natürlich längst, dass alleine das Argument mit der ausländischen Konkurrenz am Kern der Sache vorbeigeht. Sie haben - eben nicht erst, seit das Thema die Nachrichten beherrscht - im vergangenen Jahr versucht, für ihre Ideen zu werben und waren zuletzt Anfang Mai einen erheblichen Schritt weitergekommen. "Die DFG hat ihre Position zur embryonalen Stammzellenforschung vorsichtig geändert und hält den Import von embryonalen Stammzellen unter strengen Auflagen für zulässig", erläutert Otmar Wiestler.

"Bei den Zellen handelt es sich nicht um Embryos", hat Wiestler wieder und wieder erklärt und hinzugefügt, "daraus kann man keinen Menschen mehr machen". Nur an drei Orten ist es weltweit gelungen, aus embryonalen Stammzellen Zelllinien zu gewinnen. "Wir können aus diesen Quellen den gesamten Bedarf decken, denn die Zellen wachsen ständig nach", zerstreut Wiestler Bedenken, hier werde eine Tür zur gezielten Züchtung von Embryonen geöffnet.

Wiestler und Brüstle sind optimistisch, dass ihnen auch mit embryonalen Stammzellen gelingen könnte, was sie im Tierversuch geschafft haben. In einem weltweit beachteten Versuch haben sie nachgewiesen, dass sie bei Ratten, die an einer der Multiplen Sklerose ähnlichen Krankheit litten, defekte Zellen durch implantierte gesunde Zellen heilen und damit schwerste Krankheiten eindämmen konnten: "Wir haben gezielt Gehirnzellen aus embryonalen Stammzellen der Maus gezüchtet und glauben, diesen Versuch übertragen zu können". Wiestler und Brüstle wollen mit Hilfe von embryonalen Stammzellen Nervenzellen züchten, die nach einer Implantation einen Heilungsprozess auslösen.

Der Einwand, dass dies ohne die hier aufgeworfenen ethischen Fragen mit eigenen, adulten Stammzellen versucht werden müsste, überzeugt die Forscher nicht. "Wir versuchen das seit 15 Jahren zum Beispiel mit Blut oder Knochenmark und es ist eben nicht gelungen", berichtet Wiestler. Nicht zuletzt durch die Erforschung der embryonalen Stammzelle und ihrer Fähigkeit sich zu verwandeln, hoffen die beiden am Ende das Geschehen in den adulten Zellen besser zu verstehen. Bevor es so weit ist, müsste allerdings der Ethikrat beim Kanzler und dann die DFG ihr Forschungsprojekt befürworten. "Wir tun das alles sehr behutsam und unter strengster Kontrolle", verspricht Wiestler und fügt nach einer kleinen Kunstpause hinzu: "Die Industrie muss sich solchen Auflagen nicht stellen".

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